Prüfungsangst

Ich war immer normal aufgeregt, wenn es um Prüfungen ging. Saß ich einmal drin in einer Klausur, schrieb ich alles auf, was ich wusste oder auch nicht wusste. Und wenn ich schlecht vorbereitet war oder ein Thema nicht mochte, so wusste ich das ganz genau und war zufrieden, wenn es am Ende irgendwie gereicht hat. Keine große Sache. Kein Stress. Keine negativen Erfahrungen. Ich bin auch kein Überflieger mit immer brillanten Noten. Den Anspruch habe ich nie an mich gehabt.

Mit einer richtigen mündlichen Prüfung machte ich erst im Abitur Bekanntschaft. Das war etwas anderes, als eine Klausur zu schreiben. Ich war aufgeregter als sonst, aber saß vor der Prüfungskommission und beantwortet beinahe im Autopiloten die Fragen. Ich konnte nicht einschätzen, ob das was ich abgeliefert hatte gut war oder nicht.

Ich bekam eine 1 minus .

Wow, dachte ich. Läuft. Kein blödes Erlebnis.
Im Studium schrieb ich meine Klausuren wie gewohnt. Dezent aufgeregt, aber souverän.

Dann kam das erste Staatsexamen. Auch hier schrieb ich die Klausuren wie gewohnt runter. Ich war auch mit den Ergebnissen wirklich sehr zufrieden.

Schließlich kamen noch 3 mündliche Examens-Prüfungen. Und damit lernte ich eine neue Dimension kennen.


1. Prüfung: Erziehungswissenschaften

Ich stehe mit schwitzenden Händen auf dem kargen Gang vor der Tür des Prüfungszimmers. Ich bin irgendwie nervöser als sonst. Draußen scheint die Sonne. Hier drinnen ist es kühl und ein bisschen stickig. Es riecht nach altem Gemäuer und Lenoleumboden.

Wie lange dauert denn das, bis die Tür auf geht?

Ist da schon jemand drin?

Ist da noch eine Prüfung gerade?

Muss ich mal anklopfen und Bescheid sagen, dass ich da bin?

Wieso ist hier niemand, den ich mal fragen kann?

Vielleicht bin ich gar nicht auf dem richtigen Flur! ?

….
In meinem Gedankensalat geht endlich die Türe auf und ich werde herein gebeten. Ich schüttle allen, nachdem ich meine schwitzigen Finger unauffällig an meiner Hose trocken gerieben habe, die Hände und nehme Platz. Es ist ein kleiner schmaler Raum, in den die Sonne ein wenig herein scheint. Die Prüfungskommission bestehend aus drei Männern, sitzt etwas seitlich links zum Fenster. Ich bin nicht sicher, ob sie mir freundlich gesinnt sind. Die gucken irgendwie komisch.
Ich kenne einen der Prüfer aus einem Seminar, was ich sehr mochte und bei dem ich auch die Klausur geschrieben habe. Den anderen kenn ich nur aus einer einzigen Sprechstunde. Ich habe keine Meinung zu den Beiden. Den Dritten kenne ich gar nicht.

Das Gespräch beginnt. Zuerst geht es gut und dann redet einer der Prüfer etwas länger. Ich frage mich, was genau er möchte. Müsste ich nicht mehr Sprechzeit haben? Und was will er jetzt von mir dazu hören? Ich blicke durch das alte Doppelkastenfenster in das sonnige und grüne Draußen. Ich krame nach einer gescheiten Antwort. Mein Autopilot versagt. Meine Gehirn fühlt sich an, als wäre sein elektrisches Signal nur noch eine Nulllinie.

Das ist ungünstig, denke ich.
Ich ertappe mich bei der absurden Frage (still an mich selbst!) wie lange ich hier eigentlich noch sitzen muss. Und dann weiß ich nicht mehr, ob ich überhaupt etwas gefragt worden bin. Ich starre gefühlt ewig aus dem Fenster.
Ach, ist das schön draußen!

Hallo! Du sitzt gerade in deinem mündlichen Examen!
Schließlich beantworte ich ein paar direkte Fragen, aber offensichtlich nicht zur Zufriedenheit der Herrschaften und es wird nach gebohrt. Worauf wollen Sie hinaus? Ich verstehe die Fragen nicht wirklich. Ich wiederhole die Fragen mit eigenen Worten.
Ich verstehe sie scheinbar wirklich falsch.
Ich möchte gehen.
Reiß dich zusammen!
Wann ist die Zeit endlich rum?
Das Gespräch macht keinen Spaß.
Die Chemie stimmt nicht.
Die Männer kommen überheblich rüber. Ich habe das Gefühl man will mich verwirren. Ich weiß auch nicht so richtig was los ist.
Als es vorbei ist, bekomme ich gesagt, dass die Prüfung ja nicht so toll gelaufen ist, weil aber die Klausur gut war, hätte ich immerhin bestanden.
Ok. Ich sehe auch, dass die Prüfung sehr ungelenk war. Woran genau das jetzt lag, vermag ich nicht zu sagen. Ich verbuche es unter der Rubrik: Blöd gelaufen. Schlechter Tag und was auch immer.
Ein bisschen schade um die Endnote ist es schon. Aber egal. Ich kann es verschmerzen. Hauptsache bestanden. Fertig. Die Nächste bitte.
Dann sagt der eine:
„Wenn Sie Lehrerin werden wollen und vor einer Gruppe Schülern sprechen wollen, müssten Sie das aber schon besser drauf haben. Da sitzen ja dann nicht nur drei Leute! Vielleicht denken Sie nochmal über ihren Berufswunsch nach.“
Ääääääh….
Was war das nun? Wieso wissen die denn jetzt, ob ich vor einer Schulklasse bestehen kann? Da ich schon Erfahrung sammeln konnte und genau deswegen diesen Studiengang gewählt habe, runzle ich nur die Stirn.
Doch das Gesagte bohrt sich langsam und perfide seinen Weg in mein Unterbewusstsein.


2. Prüfung: Kunst

Kunst, mein Steckenpferd. Meine Liebe. Ich freue mich. Ich bin positiv aufgeregt und super vorbereitet. Ich habe sogar die Prüfung schon ein paar Mal simuliert, weil ein Kommilitone nach meinem ersten Desaster meinte, das würde helfen. Die „Test-Prüfungen“ waren super. Ich fühle mich sicher. „Wenn DAS keine 1 wird….!“ Sagt mein kritischer Probe-Prüfer.

Ich laufe zu Fuß und beschwingt zum Prüfungsort. Die Sonne scheint. Ein freundlicher Tag. Das kann nur gut werden.

Wieder stehe ich auf dem kargen Gang, nur vor einer anderen Tür. Heute ist mir unangenehm kalt. brrrrr Zieht es hier auf dem Flur?
Ich schwitze so komisch unter den Armen. Wie Wasser rinnt der Schweiß an mir herab. Ich finde das eklig. Aber ich kann es nicht ändern. Auch meine Hände sind kalt und ganz klebrig. Mir wird ein bisschen schwindelig und schlecht auch.
Oh, Mann, ich bin ja richtig aufgeregt!
Ich atme konzentriert und versuche mich zu entspannen.

Eine Dozentin, die als Beobachterin mit mir in die Prüfung gehen wird (weil sie sich darauf vorbereitet später auch Prüfungen abnehmen zu können) kommt dazu. Das lenkt mich ein bisschen ab. Wir begrüßen uns. Ich sage, ich sei ganz furchtbar nervös auf einmal. Sie beruhigt mich. Es würde bestimmt gut laufen.
Ich fühle mich ja auch sehr gut vorbereitet. Ich muss keine Angst haben.

Die Tür geht auf. Meine Knie werden weicher als Butter. Oh, Mann!
Nur nicht umfallen!
Ich bin froh, als ich sitze.
Der Raum ist klein und quadratisch. Wir sitzen rund herum um einen sonnebeschienenen Tisch vor einem Fenster.  Es ist hell und warm. Mir wird nach der kurzen Begrüßung eine Bildtafel vor gelegt. Mein Herz hüpft. Die Sixtinische Kapelle. Ich lächle und beruhige mich. So viele Wochen habe ich mich u.a. mit der Sixtina beschäftigt. Ich freue mich, wenn ich mein Wissen dazu nun als Erstes ausspucken kann.

Es geht los. Ich rede wie ein Wasserfall. Ganz aufgeregt. Ich muss alles sagen, ich sprudle und die Zeit wird niemals reichen, um all die tollen Dinge zu erzählen. Es gibt so viel zu sagen. Ein großartiges Werk.
Wollen die das überhaupt alles hören? stutze ich, als ich das kritische Gesicht des Hauptprüfers sehe.
Die Prüfer scheinen wirklich nicht ganz zufrieden und fragen plötzlich viel nach. Was mich aber nicht einschüchtert. Ich kann zu allem etwas sagen. Ich bin noch ganz entusiatsich. Dann werde ich nach einem Standard-Werk für die Sixtinische Kapelle gefragt. Ich soll den Autor nennen.
Ich weiß genau welches Buch gemeint ist. Ich sehe das Buch vor meinem geistigen Auge. Viele Wochen hat es mich täglich begleitet. Es war mein liebstes Werk. Ich fühle den cremefarbenen und rauen Webstoff vom Einband unter meinen Fingern. Ich rieche die dicken Seiten. Sie duften so gut, wie nur ältere Bücher riechen. Ich liebe den Geruch. Ich sehe die vielen Bildtafeln…wie gerne habe ich dieses kostbare Buch in der Bibliothek auf meinen Arbeitsplatz gelegt. Ich höre die leisen Schritte der anderen Studenten auf dem Teppich. Hier und da mal leises Gemurmel, ein verhaltenes Niesen und das Umblättern von Buchseiten. Der Stift, des Sitznachbarn, der über Papier kratzt….Ich bin Gedanklich mal kurz in der Bibliothek.
Mir fällt aber weder der Autor noch der genaue Buchtitel ein. Mir ist klar, dass die Beschreibung des Buches im wissenschaftlichen Arbeiten keinen Wert hat. Aber ich bin auch keine Wissenschaftlerin. Ich bin Lehrerin und möchte meine späteren Schüler begeistern und das, so meine ich, geht eher mit Emotionen und Leidenschaft als mit trockenem Fachwissen. Aber das traue ich mich nicht zu sagen und krame verkrampft nach dem Autor.
Ich bleibe die Antwort schuldig und beschreibe nur zum Beweis, dass ich es wirklich durchgearbeitet habe den Einband des Buches.

Nächstes Thema Bauhaus und Hans Albers. Etwas verunsichert von den versteinerten Mienen erzähle ich was ich weiß.
Dann ist die Zeit um und man möchte mich noch zu einem Werk von Manet etwas fragen. Ich habe es vorbereitet, aber wundere mich schon. Eigentlich ist die Zeit um. Ich beantwortet die Fragen.

Ich gehe raus. Die Dozentin kommt mit mir mit. Sie darf nicht dabei sein, wenn die Note besprochen wird. Mein Gefühl ist mies. Sie drückt mich freudig und sagt, es sei doch voll gut gewesen. Ich soll mal abwarten.

Dann werde ich wieder herein gerufen. Das Ergebnis ist erschütternd.
Eine 4.
Eine VIER!
Eine 4, weil das zweite Thema besser gewesen wäre, als das erste. Wie schlecht bitte war ich dann beim ersten Teil????? Und WIESO?

Als ich wieder raus komme heule ich richtig. Nicht, dass ich mit einem ausreichend ernsthaft Probleme hätte, wenn ich weiß, dass ich es vermurkst habe. Ich habe nur Probleme damit, wenn ich das Gefühl habe, es ist ungerechtfertigt.

Ich muss mich draußen auf dem Hof hinsetzen. Ich verstehe es nicht und die Dozentin auch nicht. Ich sitze weinend auf den Stufen. Dann kommt mein Bauhaus/Hans-Albers-Prüfer und sagt, er hätte ein gutes Wort für mich eingelegt. Ich wäre sonst durchgefallen. Aber weil meine schriftliche Klausur gut gewesen wäre, hätte er es noch für mich „retten“ können.
Es ist auch eine GNADEN 4????? In Kunst? Bei MEINEM liebsten Lieblingsfach überhaupt??????

Ich habe eine Gnaden 4 in KUUUUUNST????

Ich bin sauer! Damit komme ich nicht klar. Und ich will weiter gerade überhaupt nichts mehr hören. Es wäre schon schlimm genug gewesen ohne zu wissen, dass man eigentlich durchgefallen wäre. Und das schon zum zweiten Mal.

Ich bin traurig. Und ich fühle mich doof. Dumm. Zu dumm um Gelerntes wieder zu geben. Zu dumm um einem Gespräch mit Professoren zu genügen. Zu dumm, um mir wichtige Literatur zu merken.


3.Prüfung: Mathematik

Ich habe mir einen Prüfer ausgesucht den ich in den Vorlesungen sehr angenehm und gut verständlich fand und wählte ein Thema, das mir tatsächlich liegt. Geometrie. Einige Kommilitonen fragen mich, wieso ich ausgerechnet diesen Prüfer gewählt hätte. Der sei doch furchtbar. Ich fand ihn aber sogar in den Sprechstunden immer nett und klar. Aber nun bin ich verunsichert.

Mit den Katastrophen der anderen beiden Prüfungen im Nacken habe ich sozusagen keine Beherrschung mehr über das, was mein Körper nun macht. Ich stehe wieder auf dem kargen Gang mit den vielen Türen. Wie ich da hin gekommen bin weiß ich diesmal auch nicht mehr. Aber ich bin da.
Es ist ein wolkiger Tag und viel dunkler als sonst. Die Zeit steht. Das Warten ist un-er-träg-lich. Mir ist schlecht und ein bisschen flimmerig wird es vor meinen Augen. Ich schwitze wieder und ich habe Angst umzufallen. Ich merke, wie das Blut aus meinem Kopf immer weiter in die Füße rutscht. Ich atme flach und schnell.

Was ist das? Was ist mit mir los?
Ich werde überrollt von unkontrollierbarer Angst. Ich kenne das nicht und habe nie gelernt, was ich dann tun muss/kann. Der Moment ist sehr ungünstig.
Konzentrier dich.
Langsam atmen.
An was anderes denken.
Entspannen.
Ich möchte weinen.
Ich zittere.
Die Tür geht auf.
Ich werde herein gebeten.
Ich betrete wacklig und zittrig den Raum und habe Tränen in den Augen. Oh Mann, ist das peinlich! Ohmannohmannohmann! Hilfe. Das Vorurteil eines dummen Primarstufenmäuschens wird also jetzt hier in diesem Moment von MIR voll bedient. Danke reicht!

Vor mir in dem dunklen Räumchen nehmen zwei bärtige, ältere Mathematiker am Tisch Platz und blicken mich milde an. Ich stammel verlegen hervor, dass ich auch nicht wüsste was mit mir los sei. Ich sei so nervös. Und Tränen kullern mir über das Gesicht.
Ist möchte im Boden versinken.
Ich bekomme ein Taschentuch gereicht.
Ich bin irgendwie gelähmt und wie aus Gummi. Selbst wenn ich weg laufen wollte, könnte ich es nicht.
Die beiden beruhigen mich. Ich soll keine Angst haben. Jede Prüfung sei anders. Es würde schon werden.
Wir fangen mit was ganz Einfachem an, sagt der eine.
Ich bekomme ein Papier und einen Stift hingeschoben. Ich soll den Satz des Pythagoras aufmalen und beschriften und etwas dazu sagen.
Ach, den kann ich im Schlaf, denke ich tatsächlich erleichtert und dann zittert der Stift in meiner Hand so sehr, dass ich keine gerade Linie hinbekomme. Ich bin komplett überfordert damit, dass mein Körper nicht funktioniert. Ich kann mich nicht mehr steuern. Ich kann weder malen noch schreiben. Der Stift wackelt, meine Hände flattern. Ich möchte alles hinschmeißen. Ich klopfe mit der Hand verärgert auf den Tisch und wieder kullern mir Tränen übers Gesicht.
Ich versuche es noch einmal. Der Stift wackelt über das Papier und ich starre meine Hand fassungslos an. Man kann nicht erkennen, was ich da gemacht habe. Ich blicke entsetzt die bärtigen Mathematiker an und erwarte Missbilligung in ihren Blicken. Aber sie sehen freundlich aus, nicken mir zu und warten, bis ich mein Gekrakel halbwegs erkennbar fertig habe.
Ich werde etwas ruhiger. Es geht mit leichten Fragen weiter, die ich dann auch irgendwie beantworte. Ich bekomme auch hier keine brillante Note. Aber diesmal bin ich sehr froh, dass ich überhaupt eine Note bekomme und nicht durchfalle.
Wir unterhalten uns hinterher noch und ich erzähle, was man mir nach der Prüfung in Erziehungswissenschaften gesagt hat. Ich solle vielleicht besser keine Lehrerin werden.
Die beiden Mathematiker schütteln den Kopf und sagen, dass man aus einer Prüfungssituation niemals auf den Rest schließen könne und das schlicht weg Blödsinn sei. Sie sagen tatsächlich glaubhaft ernst gemeint: „Sie werden wahrscheinlich sogar eine sehr gute Lehrerin!“
Ich weine wieder. Vor Dankbarkeit.

DAS war das Netteste und Wertvollste, was diese beiden Männer zu mir sagen konnten.


Mich bestärkte es in meiner Überzeugung, dass gute Noten nicht das Kriterium für eine gute Qualifikation sind. Man muss die ganze Person in einem Prozess sehen und über einen längeren Zeitraum begleiten, um sich ein wahres Urteil erlauben zu können. Das hat mir beim Referendariat zum Beispiel sehr gut gefallen.

Und für die Schule bedeutete es für mich, den Kindern auch wenn sie in bestimmten Bereichen schwächer als die anderen abschnitten immer zu vermitteln, dass sie trotzdem etwas können und einfach auf ihre Stärken blicken sollen.


Übrigens geht die liebe Nieselpriem-Rieke mit einer grandiosen Idee schwanger. Passend zum Thema. Hüpft mal rüber: https://nieselpriem.com/2017/05/25/ich-sehe-was-was-du-nicht-siehst/

 

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