Das Sirenchen und der Nachtschreck

Den Nachtschreck, den kenn ich schon ganz gut. Beim Sohn war er eine Zeit lang regelmäßig zu Besuch. Mittlerweile nur noch selten. Beim Sohn äußert sich der Nachtschreck durch furchtbar leidendes Geschrei, einer Orientierungslosigkeit und heftiges Umsichschlagen, wenn man ihn berührt.

Beim Sirenchen taucht er auch auf. In den letzten zwei Wochen massiv.
Ich glaube, er ist auch früher schon mal aufgetaucht, aber da hielt ich ihn für eine Art Schlafwandeln. Das Sirenchen schreckte damals schon manchmal schreiend im Bett auf. Saß dann im Bett und wenn man sie nicht anrührte und ansprach, dann legte sie sich recht schnell wieder hin und schlief weiter, als sei nichts gewesen. Wenn man sie aber ansprach, erschreckte sie fürchterlich und schrie noch lauter auf.
Das Erschrecken ist eine ganz typische Sache auch im Alltag. Dazu komme ich später.

Seit sie Vorschulkind ist und nun ohne eines ihrer Geschwister in die Kindergartengruppe geht, geht sie einerseits so gerne wie lange nicht in den Kindergarten, gleichzeitig wird sie aber vom Nachtschreck derartig gebeutelt, dass mir selbst teilweise die Pumpe kurz geht.
Fast jeden Abend gegen 22Uhr ertönt ein panisches Geschrei in ihrer unverkennbaren Art. Sämtliche Emotionen werden vehement und laut herausgeschrieen. Ich wundere mich jedes Mal, dass die Geschwister nicht wach werden und denke außerdem, es sei was ganz Schlimmes passiert.
Das Sirenchen schreit dann auch unverständliches Zeug und die Namen ihrer Geschwister, sowie Mamaaaa.
Dabei blickt sie mit weit aufgerissenen aber leeren Augen um sich, ist meist nass geschwitzte und irrt bisweilen auch orientierungslos im Kinderzimmer umher. Ihr Herzchen schlägt wie wild.

Eben noch war es so heftig. Das Kind war außer sich. Sie lässt sich im Gegensatz zum Sohn aber anfassen. Man denkt dann: „Ich nehme das Kind in den Arm und es kuschelt sich an und beruhigt sich.“  Aber so ist es auch nicht. Das Sirenchen beruhigt sich zwar, wenn ich leise mit ihr spreche und sie meine Berührung spürt, aber kuschelt sich nicht an.
Fragen kann sie auch nicht beantworten. Im Idealfall legt sie sich dann auch wieder hin und weiß am nächsten Tag nichts mehr.
Eben war es so schlimm, dass sie sich nicht beruhigte und sie mir tatsächlich, wie ein Roboter aber lärmend nach unten folgte. Nun liegt sie neben mir auf der Couch und schläft wieder tief und fest. Das ging ratz fatz.
Ich bin gespannt, ob sie sich morgen früh erinnern kann.

Mein wildes Mädchen….was haben wir schon alles durchgestanden an Launen und Missverständnissen, Trotz und Sorgen. Und gerade habe ich das Gefühl, wir zwei kennen uns nun so gut, dass wir recht friedlich durch den Alltag kommen. Wir rasseln nur noch selten aneinander und dann gar nicht mehr in der Heftigkeit wie früher. Mir fällt auch ihre große Kooperationsfreude auf. Das macht den Alltag mit ihr sehr fluffig gerade.

Ulkig ist, dass sich das Knöpfchen und der Sohn schon vor Wochen wieder von sich aus entschieden in ihren eigenen Betten zu schlafen und nicht mehr auf dem gemeinsamen Familienlager. Das Sirenchen aber wollte weiter bei mir schlafen. Und das machen wir. Und wir genießen es beide. Ich finde es genauso kuschelig, wie sie.

Dann beobachte ich noch etwas, was mir schon bei den Schreianfällen im Kleinkindalter aufgefallen war. Wenn sie in einer Emotion oder einer Tätigkeit vertieft ist, steckt sie drin und kommt so schnell nicht wieder alleine heraus. Bei den Schreianfällen half manchmal nur ein „Anschreien“ (Ich nahm sie dann auf Augenhöhe bei den Schultern und brüllte ihren Namen. So als würde ich sie ganz laut rufen, weil sie weit weg war.), um die hängen gebliebene Emotion zu stoppen. Dann hörte sie abrupt auf, blickte mich überrascht, aber nicht erschrocken an und war wieder ansprechbar. Echt. Von jetzt auf gleich. Ein bisschen, als erwache sie aus einer Hypnose. (Und ich tat das nicht nach 5 Minuten oder 15 Minuten. Dieses „Anschreien“ tat ich, wenn das Kind nach 30 Minuten immer noch nicht ruhiger wurde oder so heftig schrie, dass ich Sorge hatte, sie fiele gleich ohnmächtig um.)

Mittlerweile versinkt sie in Tätigkeiten so sehr, dass sie sich fürchterlich erschreckt, wenn man sie anspricht. Als Beispiel: Sie nimmt sich Honig und nimmt immer weiter, versinkt in der Beobachtung wie der Honig vom Messer fließt. Sagt man dann ganz normal ihren Namen und dass es nun genug Honig wäre, zuckt sie richtig zusammen und sieht erst dann selbst, dass es schon zu viel war. Manchmal weint sie kurz vor Schreck.
Das ist irgendwie eine Eigenschaft, die man im Übrigen auch bei ihrem Vater beobachten kann. Also nicht das Weinen vor Schreck, aber das Versinken und nicht mehr Anwesendsein. 😀

Mensch, dieses große Mädchen. Unser Weg wird vielleicht ein Leben lang ein intensiver sein. Ich hoffe, ich kann sie immer passend genug begleiten.

Jetzt gilt es mal, den penetranten Nachtschreck wieder los zu werden.

Und ich trag das schwere Kind nun ins Bett und leg mich direkt daneben.

 

Gute Nacht!

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