Das Schulkind hat Bauchschmerzen- Was steckt dahinter?

Bauchschmerzen sind nichts Außergewöhnliches. Gerade bei den Schulanfängern taucht das gerne auf. Die Aufregung, das Neue, die Umstellung….
Man kann es fast nachfühlen.
Der Sohn geht zum Glück nach wie vor sehr gerne zur Schule, ist jedoch immer dankbar, dass er mittags nach Hause kommen kann. Was er im Übrigen seit den Herbstferien prima alleine macht.

Aber zurück zu den Bauchschmerzen. Schon seit ein paar Wochen klagt er immer mal wieder darüber. Vor allem morgens. Er setzt die Bauchschmerzen nicht ein, um nicht zur Schule zu müssen. Er geht trotzdem ohne Murren und meist auch mit Freude. Dennoch….etwas schwelt vor sich hin und das hängt mit der Schule zusammen.

Organische Ursachen schließe ich deswegen aus, weil er viel und gut isst, keine Verdauungsauffälligkeiten hat und die Bauchschmerzen vor allem morgens und unter der Woche auftauchen. Nachmittags und am Wochenende sind sie weg. Nachtigall ick hör dir Trapsen.

Wie finde ich also raus, was los ist?

Meine Erfahrung aus der Grundschule und auch hier zu Hause zeigt, dass man Kinder am besten über Umwege zum Reden bringt und nicht erwartet, dass a toc alle Antworten kommen. Direkte Fragen führen meist ins Nichts oder es kommen Halbwahrheiten oder unvollständige Informationen dabei heraus.
Und Probleme die Bauchschmerzen verursachen sind ja vor allem auch oft ein unbewusst. Die Kinder wissen manchmal selbst nicht so richtig was los ist.
Ich klappere dann gerne alle möglichen Baustellen ab, bei allen Problemen, nicht nur bei psychosomatisch bedingten Bauchschmerzen.

Ich nutze dazu gerne ein paar Tricks:

1) Ein Bilderbuch mit einem Thema, dass dem vermutlichen Problem ähnelt, anschauen oder vorlesen.

2) Bilder als Erzählanlass nutzen (Ich sammele auf Pinterest Bilder mit verschiedenen Stimmungen)

3) Erzählungen aus der eigenen Kindheit sind auch oft ein guter Schlüssel. Oder generell erzählt man was von sich.

4) Bei versteckten Problemen innerhalb einer Gruppe kann man ganz allgemein alle Beteiligten fragen, ob es etwas gibt, was sie besonders stört und stresst. Das eigentlich betroffene Kind ist dann nicht stigmatisiert mit „Ich habe ein Problem, aber alle anderen nicht!“ Sondern kann sich im Schutz der Gruppe offenbaren.

(Oft denken Kinder auch, sie hätten ein sehr nichtiges Problem, das andere nicht ernst nehmen und trauen sich dann nicht es offen auszusprechen. )

5) Bei schüchternen Kindern kann es auch helfen, wenn man ein Einzelgespräch sucht und berichtet, dass andere Kinder sich in letzter Zeit beklagt hätten und über ein paar Sachen richtig ärgern. Und dann fragt man ganz unbedarft sowas wie: „Und weil das ja doof ist, wenn man sich über etwas ärgert, frage ich jetzt einfach alle mal, ob es etwas gibt, das stört. Wie sieht es bei dir aus?“

 

Und dann ist noch ganz wichtig: Zeit geben. So manche Information offenbart sich erst einen oder mehrere Tage später und dann zufällig in einem Nebensatz.

 

Die Ursachen für die Bauchschmerzen in unserem Fall

Den Sohn kann man tatsächlich relativ direkt fragen. Er ist sehr reflektiert.
Und somit fragte ich ihn, ob ihm die Schule immer noch gefiele. Das bejahte er.
Ich fragte dann, ob es dennoch etwas gäbe, was ihn besonders anstrengt oder stört. Ob er Streit hätte. Ob er Schwierigkeiten mit Lehrern hätte. Ob Kinder ihn ärgern? Ob es für ihn sehr aufregend ist, den Nachhauseweg nach der Schule alleine zu gehen. Ob er sich auf der Schultoilette sicher fühlt….

Schwierigkeiten mit den Anforderungen

Seine direkte Antwort verblüffte mich nicht.
„Also eigentlich ist es der Unterricht. DER strengt mich an. Also, dass wir immer so schnell wieder was anderes machen müssen. Immer wenn man gerade angefangen hat etwas zu machen, ist die Stunde wieder um und was Neues fängt an. Und die ganzen Arbeitshefte….das Lies mal und das Lupenheft mag ich am liebsten. Aber die anderen Hefte….das ist so viel. In dem einem Mathearbeitsheft da muss man immer so viele Zahlen schreiben. Eigentlich schreibe ich SEHR gerne Zahlen. Aber wenn die immer kleiner werden…dann muss man immer weiter kleine Zahlen schreiben..das ist so doof!“ Und während er das erzählt, räuspert er sich viel.
Das Räuspern macht er schon lange und ist ein Zeichen von Aufregung.

Die Aussage passt zum Sohn. Er kann sich sehr lange am Stück auf eine Sache konzentrieren und bearbeitet sie auf seine besondere Weise. Vor allem auch eher langsam und manchmal auf verworrenen Pfaden, die aber alle zum Ziel führen. Er macht vieles IN seinem Kopf. Feinmotorische Arbeiten sind für ihn Mittel zum Zweck und wenn er den Sinn nicht erkennt, dann streikt er sozusagen.
Deshalb liest er auch lieber, als zu schreiben. Er saugt Informationen auf und speichert sie sensationell gut ab. Mit allen Querverbindungen, die es schon gibt. Er macht auch alleine neue. Jemand der Wörter im Kopf vorwärts und rückwärts buchstabieren kann, erkennt warscheinlich den Sinn in Schreibübungen nur schwer. Er hat wenig Antrieb Output zu produzieren. Es sei denn, es ist ein Thema für das er brennt.

Gut, dass seine Lehrerin ihn auch super erkannt hat. Wir sind uns einig. Ein bisschen anschubsen an entscheidenden Punkten ist wichtig, aber nicht zu viel Druck machen, sonst blockiert das „System“.

Ich fragte den Sohn sodann, ob er das alles schon seiner Lehrerin gesagt hätte. Hatte er noch nicht. Somit ermunterte ich ihn, dies einfach mal zu tun. Ich weiß, sie wird ihm zuhören und einen Weg suchen. Und ich finde es wichtig, dass Kinder lernen ihre Probleme selbst in die Hand zu nehmen. Wenn es dann alleine nicht klappt, hilft man aktiv weiter.

Mit einem guten Tag Verzögerung kam dann aber noch mehr ans Tageslicht.

Soziale Herausforderungen

Der Schulvormittag ist auch sozial anstrengend für ihn. Er hat zwar Anschluss zu alten Kindergartenfreunden und zu neuen Freunden. Vor allem mit den Mädchen seiner Klasse und er parallel Klasse kommt er prima aus. Aber er erlebt auch den rauen Alltag auf dem Schulhof als anstrengend. Es gibt doch immer wieder ältere Kinder, die versuchen, die Jüngeren in die Mangel zu nehmen. Das kann der Sohn überhaupt nicht nachvollziehen. Er hat einen unglaublich großen Gerechtigkeitssinn. Es gibt sowohl in seiner Klasse, als auch in anderen Klassen ein paar Jungs, die ihn immer wieder angehen. Die Jungs in seiner Klasse lachen und „necken“ ihn wohl auch sehr oft, weil er besonders mit einer Mitschülerin befreundet ist. Der Sohn und seine Freundin sind beide genervt davon.
Ach Mann, dass Jungs nicht mit Mädchen spielen „dürfen“ und umgekehrt. Wieso schwirrt das bei so vielen Kindern im Kopf rum?
Der Sohn ist sehr genau in der Einhaltung von Regeln. Sprich, er hält sich auch explizit an die Regeln. Wenn ihn jemand ärgert, sag er: „Stopp, hör auf, ich will das nicht.“ Und bei einer nötigen dritten Wiederholung fügt er hinzu: „Sonst gehe ich es sagen!“ Anders wehren kommt für ihn nicht in Frage.
mmmmmh…..der Sohn ist kein Rowdy und das erkennt man recht schnell. Gut, dass er ein paar gute Freunde hat. Sonst wäre ich ernsthaft besorgt um seine Gemütslage.

Und dann gibt’s da noch so typische „Probleme“ der „Sensiblchen“. Einmal in der Woche wird ein Rohkosttag in der Klasse gemacht. Alle bringen ein geschnippeltes Gemüse mit. Der Sohn ist jedes Mal überglücklich, wenn seine Dose leer gegessen wurde. Aber schon zweimal hatten die anderen seine Rohkost nicht angerührt….das beschäftigt ihn sehr. Er versteht nicht, warum seine Sachen nicht gegessen wurden und ist dann ganz traurig. Ich kenne das Gefühl ganz genau. Aber ich sage dann aufmunternd: „Och, das ist doch egal. War vielleicht einfach zu viel von allem da.“

Wir müssen ihn stärken nicht alles persönlich zu nehmen und nicht jedes Verhalten anderer zu hinterfragen. Und bei Bedarf darf er sich von uns aus auch wehren.Wir stehen hinter ihm. Er muss in dieser Welt bestehen, auch als sehr feinfühliger Mensch.

Bedeutung für den Familienalltag bei uns

Wenn der Sohn mittags nach Hause kommt braucht er eine Ruhepause. Die ersten Wochen war er sehr unausgeglichen und müde. Es pegelt sich langsam ein. Aber er entspannt seit einiger Zeit durch absolut konzentriertes Spielen im Kinderzimmer oder möchte mit mir Schach spielen oder hört Kinderradio. Er erholt sich dann und ist nachmittags wieder bereit Freunde zu treffen. Allerdings auch nicht immer.

Ich bin erleichtert, dass wir uns entschieden haben, ihn nicht in die OGS zu schicken und ihm die Zeit geben, sich im System Schule einzufinden und ab Mittags Raum zum Verschnaufen zu haben.
Er selbst sagt immer wieder, dass er nicht in die OGS gehen will. Und er genießt auch die Ferien und die Wochenenden.

Allerdings bedeutet die Zeit FÜR die Kinder auch Verzicht für uns Erwachsene in anderen Belangen. Aber unsere Prioritäten sind gesetzt und fühlen sich richtig an.

(Übrigens war ich doch nochmal beim Kinderarzt mit dem Sohn. Wir erwartet gab es keine Besonderheiten. )

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