Ein Brief zum Geburtstag an den Sohn.

Mein Sohn, du bist jetzt definitiv kein Kleinkind mehr. 6 Jahre ist es her, dass ich dich das erste Mal in meinen Armen hielt.
Du warst so klein und wirktest so zerbrechlich. So eigentümlich markant im Gesicht. Du sahst so „erwachsen“ aus. Aber ich war sofort verliebt in dich kleines wundersames Geschöpf.
Du hast wenig geschrien. Du warst ein stilles und mürrisch dreinblickendes Kerlchen. Kritisch, warst du. Manchmal dachte ich, du seist ein weiser alter Mann in Gestalt eines Säuglings.

Ich saß die ersten Wochen stundenlang mit dir da und starrte dich an. Manchmal weinte ich vor Glück, Müdigkeit oder Sorge. Oft lachte ich. Die meiste Zeit staunte ich.
Du hast viel gedöst. Manchmal hast du dich erschreckt. Dann hast du tief und deutlich hörbar eingeatmet und deine langen Ärmchen zur Seite gestreckt. Dazu hast du manchmal geblinzelt. Das sah sehr witzig aus.

Und vielleicht weil ich dich die erste Zeit so viel angesehen habe, konnte ich jede kleinste Regung in deiner Mimik deuten. So wusste ich immer sofort, ob dir etwas behagte oder nicht behagte, auch wenn du nicht geschrien hast.

Geschrien hast du nur abends und meistens, wenn zu viel Trubel gewesen war.

Mit den Wochen und Monaten wurde aus dir ein propperes Kerlchen. Ich musste vor allem Hosen 2 Nummern größer kaufen, damit sie dir am Bund passten. Die Hosenbeine schlug ich alle zweimal um.

Zu Hause warst du meistens zufrieden. Du hast in Ruhe und gründlich alles erkundet und auch mal …geschmunzelt. Da möchte ich Loriot zitieren: „Wenn es einen Anlass zum Scherzen gibt, schmunzel ich gern einmal.“ Das hätte dein Satz sein können.

Als Krabbelkind und Laufanfänger waren wir viel im Park und auf den Spielplätzen der Umgebung. Ich konnte auf einer Bank sitzen und du hast alleine die Gegend ausgekundschaftet. Du hattest einen riesigen Radius. Aber du bist nie über meine unsichtbare Grenze hinaus gestreunert. Ich brauchte mich nicht sorgen, dass du abhaust. Bald schon wieder hochschwanger hätte ich dir nicht hinterher rennen können. Außerdem hatte ich dich aber auch immer im Blick. Hin und wieder hast du dir einen Schluck zu trinken geholt, etwas zu essen und eine kleine Kuscheleinheit.

Wir machten Radtouren und lange Spaziergänge. Wir haben alles erkundet. Es war eine gemütliche Zeit. Meistens. Denn auch du hattest mal schlechte Laune oder hattest sehr anhängliche Phasen.

Auf den Spielplätzen hast du gebuddelt oder Fahrzeuge durch den Sand geschoben. Oft kamen andere Kinder und haben dir das Spielzeug aus der Hand gerissen. Ungeachtet ob es dein eigenes war. Mein Mama-Herz war deshalb oft aufgewühlt. Aber ich habe abgewartet und beobachtet was du tust. Du hast nicht geweint und nur verwundert geguckt. Dann hast du dir ein anderes Spielzeug genommen und unbeeindruckt weiter gespielt. Es war offenbar völlig ok. Du hast auch gerne alleine gespielt.
Also griff ich nicht ein und beobachtete nur wohin das Spielzeug von dem andere Kind getragen wurde, damit wir es später im Getümmel des Spielplatzes wieder fänden.

Eine Zeit lang hatte ich ein bisschen Sorge, dass du dich nicht behaupten könntest.

Ich beobachtet dich und rang mit einem Gefühl aus Mitleid (weil man dir einfach alles weg nehmen konnte) und Stolz über deine Gelassenheit und der Sorge, wie es wohl weiter ginge mit dir und den Widrigkeiten des Lebens.

Die Zeit verging. Du wurdest gelöster und hast mehr gelacht. Aber auch nicht auf Kommando. So manche ältere Dame, die verzückt Späße mit dir machen wollte, verzweifelte an deinem prüfenden Blick. Du konntest aus dem Kinderwagen heraus von unten „von oben herab“ missbilligend blicken.

Du hast zunehmend bewusst und ausdauernd beobachtet, wie andere Kinder miteinander spielten oder stritten. Du standest da und hast alles mit großem Ernst analysiert? Man konnte dir ansehen, wie es in deinem Köpfchen ratterte.

Du entwickeltest Leidenschaft für bestimmte Fahrzeuge. Die hast du dann auch tatsächlich unfassbar ruhig, aber sehr nachdrücklich verteidigt. Da hast sie einfach nicht los gelassen, wenn sie jemand entreißen wollte. Geschrieen haben dann die anderen Kinder, die es dir wegnehmen wollten. Du hast einfach still festgehalten.
Hin und wieder (an Vollmond und ungeraden Tagen) hast du auch mal gehauen. Aber wer dich kennt, der weiß, dass man das gewähren lassen konnte. Jemand brachte es mal auf den Punkt: „Das ist ja Hauen in homeopathischen Dosen.“ Eher ein symbolischer Akt, als alles andere. Du bist kein „Haudrauf“.

Bei Gleichaltrigen kannst du dich mittlerweile durchsetzen, wenn es dir denn wichtig ist. Du hast eine  Raubauken-Schwester, die dir als Übungsobjekt sehr hilfreich ist. Da musst du hin und wieder auch deine Sachen verteidigen. Aber selbst wirst du vielleicht nie einer von den wilden Kerlen. Und das ist auch ok so.

Deine Stärken liegen in anderen Bereichen.
Du bist so fürsorglich und unglaublich mitfühlend. Mit kleinen Kindern gehst du ganz behutsam und umsichtig um. Und es macht dir Spaß. Du bist ein sensationell toller großer Bruder! Ein treuer Freund. Ein toller Sohn!
Von deiner Geduld und Ruhe kann ich mir eine Scheibe abschneiden!

Nun bis du ein lang gewachsener Sechsjähriger, der gerne Zeit mit seinen Freunden verbringt und bisweilen einen richtigen Schalk im Nacken hat. Ein Vorschulkind. Von dem propperen Kleinkind ist nichts mehr übrig. Hosenbeine muss ich dir nicht mehr umkrempeln. Im Gegenteil, sie sind ständig zu kurz.

Mein lieber Sohn,
ich bin sehr stolz auf dich!

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