Marokko-Erlebnisse mitten aus dem Familienalltag

Einleitung

Die liebe Paula von Blog nannyanny war neulich in Marokko unterwegs. Ich verfolgte alle Bilder und Videos mit Fernweh und viele Erinnerungen kamen hoch. Denn ich war vor 20 Jahren regelmäßiger Gast in einer marokkanischen Familie mitten in Marrakech.

Dann stolperte ich auch noch über den Film „Exit Marrakech“ auf dem WDR (sehr realistische Darstellung des Landes übrigens) und tauchte schon wieder ein.

Vielleicht ist es an der Zeit, meine Zeit in Marokko mal zu teilen. Die Zeit hat mein Denken bis heute nachhaltig beeinflusst.

Schnell wurde der Beitrag dazu immer länger und ich habe einiges gekürzt. Obwohl ich ohnehin einige interessante Dinge nicht öffentlich machen möchte, wegen der Privatsphäre einiger Personen.

Es sei aber soviel gesagt: Ich habe mich in überwiegend akademischen Kreisen im Marokko bewegt. Es gab die ein oder andere nützliche Beziehung im Land und dadurch durfte ich eine große Spannbreite an Einblicken erleben.

Bevor ich mit den Erzählungen anfange, möchte ich noch kurz benennen, was mir mit 20 Jahren  bewusst wurde:

In mir ruhen tief verwurzelt anerzogene und vorgelebte Normen und Regeln, Verhaltensmuster und Denkweisen. Obwohl ich mich für weltoffen und tolerant halte und meine Eltern damals gerne mal spießig fand (die Arroganz der Pubertät :-D),  fällt es mir nicht leicht das alles über Board zu werfen und es gelingt auch nur in Teilen.

Und so ist es umgekehrt für Menschen aus anderen Kulturen auch. Wir sind geprägt durch unsere Kultur. Verwurzelt. Ob wir wollen oder nicht.

Wir brauchen ein Verständnis dafür, dass es Zeit und Geduld und auch Toleranz braucht, um in einer völlig anderen Kultur anzukommen.

Eine andere Kultur schafft große Herausforderungen und kann sehr befremdlich wirken. Allerdings ist es vermessen nur die eigene Kultur und Sichtweise als die richtige zu klassifizieren. Und vielleicht hinterfragt man seine eigenen Denkweisen und Gewohnheiten auch hin und wieder mal und lernt dazu.

Trifft man in der anderen Kultur  auf Unverständnis und Ablehnung und spricht dazu die Sprache nicht, muss es sich unglaublich elend anfühlen. Heimweh und der starke Drang die eigenen Kultur zu konservieren setzt ein. Letzteres führt zu einer so krassen konservativen Lebensweise, dass sich die Landsleute im Heimatland irgendwann moderner verhalten, als man selbst im „Exil“. Was übrigens auch Konfliktpotential zwischen den Generationen birgt.

Alles was anders ist macht Angst, auf beiden Seiten. Vorurteile gibt es auf beiden Seiten und sie ähneln sich sehr. Also lerne den anderen/das andere kennen und verstehen. Verhärtete Fronten braucht niemand.

Dies gilt auch für eine Beziehung unter verschiedenen Kulturen. Reden hilft. So manches Missverständnis lässt sich klären. Es ist allerdings neben den ohnehin zwischenmenschlichen Schwierigkeiten, die man so als Paar haben kann, eine zusätzliche Aufgabe.

Menschen sind unterschiedlich in jedem Land. Zu behaupten diese Landsleute sind so und jene so und es wären alle gleich und würden gleich denken und handeln stimmt genauso wenig, wie alle Deutschen essen Weißwurst und tragen Dirndl und Lederhosen.

Bildung ist extrem wichtig, nur so können Menschen kompetent über ihr Leben entscheiden.

Die Marokkaner mit Bildung (und ich traue mich das sogar auf anderen Länder zu übertragen) sagen selbst von den ungebildeten Landsleuten: „Die haben keine Ahnung von nix!“ (Umweltverschmutzung, Verhütung, Hygiene, Nein zur Kinderehe…es gibt viele „Baustellen“.)

Menschen aus armen Regionen und ohne Bildungschancen tun das, was sie begreifen, vorgelebt und empfohlen bekommen. Sie sorgen in erster Linie um ihr Überleben und wenn eine religiöse Schrift das einzige Buch im ganzen Dorf ist und ein dörflicher Vorredner „Empfehlungen“ ausspricht, so ist das die einzige Orientierung und in gewisser Weise auch Sicherheit. Der Blick kann unter diesen Umständen nur schwer über die Dorfgrenze hinaus gehen. Diese Menschen sind deswegen nicht schlechter als andere. Sie wissen es nur nicht besser.

 

Wie alles begann

Die positive Einstellung und Neugier hat es mir leicht gemacht, das ANDERE anzunehmen. 

Mich hat es schon in der frühen Jugend zum Orient hingezogen, wenn auch aus sehr verklärten und romantischen Ideen aus Filmen und Geschichten heraus.

Ich habe als junger Teenager vollkommen überzeugt gesagt: „ Da reise ich mal hin!“ Meine Eltern schlossen dann bedeutungsschwanger ihre Augen und nickten kaum merklich. Jaja. ;-D

Wie der Zufall es wollte, lernte ich mit 17Jahren einen Studenten aus Marokko kennen.

Man kann sich vielleicht vorstellen, welche Wucht an Vorurteilen damals über mich herein rollte. Das Buch und der Film: „Nicht ohne meine Tochter“ wurde stets heran geführt. „Der Orientale“ an sich und generell war „verdächtig“. Der Spruch: „Na, wie heißt er denn? Aufenthaltsgenehmigung?“ kam auch immer wieder. Für meine Eltern war es auch nicht so einfach, aber sie haben die Zeit ausgehalten und eine abwartende Position eingenommen. Mein damaliger Freund war auch regelmäßiger Gast bei uns zu Hause und herzlich willkommen.

Bevor ich Marokko selbst bereiste, lernte ich einige Gepflogenheiten des Landes schon durch meinen Freund und seine Freunde kennen. Sie studierten alle in Köln. Marokkanische Frauen waren allerdings leider nicht darunter. Es sind in der Regel die Söhne, die ausschwärmen um bestenfalls gut ausgebildet wieder zurück zu kehren. Sofern sie sich nicht in eine Europäerin verlieben und einen guten Job finden, den sie in Marokko nicht hätten. (Und ja, es gibt auch die Fälle, da suchen sich die Männer gezielt eine gutmütige deutsche Frau als „Aufenthaltsgenehmigung“. Ich will nichts beschönigen. Vorurteile haben durchaus auch ihren Ursprung, der aber keine Allgemeingültigkeit hat. Mal ganz davon abgesehen, Marokko ist nicht das gelobte Land und ich kann es niemandem verdenken, wenn er woanders sein Glück versuchen möchte.

Die Studenten hatten alle keinen leichten Start in Deutschland. Allein diese Geschichten wären schon einen Beitrag wert. 

Kochen ist Heimat

Ich lernte schnell die marokkanische Küche kennen. Viele Kräuter und Gewürze wie Kreuzkümmel, Koriander, Blattpetersilie, Zimt… Lamm und Huhn, kein Schwein und reichlich Gemüse….. Die jungen Männer konnten zum Teil hervorragend kochen.

Ich verstand nach und nach was es für sie bedeutete. Die landestypische und sehr markante Küche ersetzt ein Stück Heimat.

(Ich zählte übrigens zu meinen Besuchszeiten in Marrakech ( neben dem Frühstück und Zwischensnacks) , 3 gekochte Mahlzeiten am Tag. Die bestehen zumeist aus einem Tajin, ein Eintopfgericht, das mit frischem Fladenbrot gereicht und gegessen wird. Dazu werden gern auch noch kleine Salate bereitet.  

Die letzte Mahlzeit, manchmal in Form einer nahrhaften Suppe, wurde recht spät am Abend gegessen. Und weil mir alles sehr gut schmeckte, nahm ich in Marokko immer zu. 🙂

(Soviel gekocht wird allerdings dann auch nur, wenn Besuch da ist.) 

Es bedeutet allerdings nicht, dass es mich innerhalb 2 Wochen sehr leckererer marokkanischer Küche nicht auch ganz dringend mal nach schlichtem Spinat mit Kartoffeln oder einem einfachen Stück dunkler Schokolade gelüstete. Was man so gewohnt ist…

Toll ist jedoch: Die gesamte Küche kommt ohne eine Fertigzutat aus. Vom Brot, bis zur Soße: Alles Handarbeit.

Das Land

Meine erste Reise nach Marokko machte ich mit knapp 20  Jahren.

Agadir: 

Wir steigen aus dem Flugzeug und müssen ein Stück über das Rollfeld laufen. Goldenes Sonnenlicht, Palmen in der Ferne, eine trockene Wärme umgibt uns….Es riecht so anders. Jede Stadt und jedes Land hat ja seinen eigenen Geruch. Jedenfalls nehme ich das so wahr. Und so atme ich das erste Mal den mit Kerosin vermengten Geruch Marokkos ein. (Ein Beiwerk, dass in den Städten durch Benzinabgase ersetzt wird und irgendwie dazu gehört.)

Ich stehe auf einem staubigen, mehrere Fußballfelder großen Platz auswärts des Stadtzentrums von Agadir. Der Himmel ist stahlblau, die Sonne blendet in ihrem besonderen Goldton und ein seichter Wind umweht mich. Es ist überraschend frisch. Es ist März. Zwei Jungen, circa 10 Jahre alt in staubigen und abgetragenen Kleidern, „bewachen“ mich und das Gepäck. Sie verdienen sich so ein paar Dirham. Wovor sie mich genau „beschützen“ und wie sie das im „Ernstfall“ anstellen wollen, weiß ich nicht. 

Außer uns ist aber auch niemand in unmittelbarere Nähe. Mein Freund hat nicht viel gesagt, weil er es eilig hat ein Grand Taxi zu organisieren, welches uns nach Marrakech bringen soll. ( In Marokko gibt es kleine Taxis in der Stadt. (Petit Taxi/kleine Peugeots)) und große Taxis für die Überlandfahrten. (Mercedes)

Geheuer ist mir das irgendwie nicht. Mein Freund ist irgendwo zwischen unzähligen Taxis verschwunden, die ein gutes Stück weit entfernt alle auf einem Haufen parken. Ich frage mich, was ist, wenn eines der Taxis aus der Mitte losfahren möchte? Und was ist, wenn die Jungs plötzlich mit dem Gepäck abhauen?

Für mich ist alles neu und unbekannt. Ich habe keine Ahnung, wie es in diesem Land zu geht. Viele Menschen sind arm, das weiß ich. 

Es dauert. Es dauert sehr lange. In Marokko sieht man lieber nicht auf die Uhr und trinkt Tee. Den habe ich nun gerade nicht dabei. Dafür aber eine Uhr. Ich hätte sie zu Hause lassen sollen. Ich sehe ständig auf die Uhr und es wird später und später. Ich bin ein ungeduldiger Mensch und kann mich nur schwer an das andere Zeitverständnis meines Freundes und seiner Landsleute gewöhnen. Meine deutsche Pünktlichkeit sitzt tief in mir verwurzelt. Die Jungen starren mich aus ihren wachen dunklen Augen, die aus den staubigen Gesichtern funkeln, an und grinsen. Sie haben Zeit.

Der Platz ist umrundet von flachen, weißen kubischen Bauten, in denen offenbar kleine Geschäfte untergebracht sind. Es wirkt alles ziemlich ausgestorben. Ich glaube meinen Freund dort irgendwo auszumachen.

Als er wieder kommt, gibt er den Jungen Geld, welches er beim Kauf zweier kleiner Colagetränke in kleine Münzen getauscht hat.

 

Geht nicht, gibt’s nicht

Bald schon sitze ich in einem sehr beanspruchten und vollbeladenen Mercedes (Grand Taxi) zwischen Gepäck und mit drei in Djellabas ( lange Gewänder mit Kapuze ) gehüllten Männern auf der Rückbank. Die Männer haben die Kapuzen über ihre Köpfe gezogen. Mein Freund sitzt mit einem weiteren Fahrgast und dem Taxifahrer vorne. Meinen ersten Gedanken, obwohl ich aus Filmen und Reportagen wissen müsste, dass es in anderen Ländern andere Regeln gibt: „Das geht doch nicht, wir sind ja komplett überladen. 7 Leute und sogar der Gepäckträger auf dem Dach ist voll…!“ Doch es geht sehr wohl. Wir sind nicht in Deutschland. Und ich bemerke nicht zum ersten und auch nicht zum letzten Mal, dass mir das deutsche Regelverständnis tief eingeimpft wurde und so manche Möglichkeit allein schon gedanklich blockiert.

Am Rückspiegel baumelt eine Gebetskette und das Armaturenbrett ist mit einer Art Teppich ausgelegt. Alles im Auto ist so staubig, wie die Straßen. Die Stoßdämpfer krächzen, hart merkt man jedes Schlagloch. Die drei Männer und ich hüpfen auf der durchgesessene Rückbank im Gleichtakt auf und ab. Aus dem Radio dudelt leise Berber Musik.

Wir fahren durch ein kleines Gebirge. Rote schroffe Erde mit versprengtem Grün zieht an der Fensterscheibe vorbei. Da die Dichtung der Türen rund herum fehlen, ist das Auto automatisch belüftet.

Schnell legt sich die schwarzblaue Nacht auf die hügelige und schroffe Landschaft. Weit und breit keine Lichter, dafür funkeln die Sterne über uns klarer, als ich sie je gesehen habe. Der Luftzug durch die undichten Ritzen der Autotüren wird spürbar kühler. Ich ziehe meine Jeansjacke fester um mich.

Mein Freund spricht leise mit dem Taxifahrer, damit dieser nicht einschläft. So erklärt mein Freund mir.  Ich starre mit weit aufgerissenen Augen in die Dunkelheit und denke lieber nicht weiter darüber nach. Ich entdecke wie vom Donner gerührt die Milchstraße am Himmel.

Gegen Mitternacht erscheinen am Horizont flimmernde warme Lichter einer Stadt. Vor uns liegt Marrakech.

 

Ich zeichne auch ständig hektische Skizzen in meine Büchlein.

Wir halten in einer engen Straße, die von roten Häusern gesäumt ist. Die Straßenbeleuchtung ist orange und verstärkt die typische Farbe der ockerroten Stadt. Bäume gibt es keine in dieser Straße. Hier und da rankt eine Bougainville. Wir befinden uns außerhalb der Medina, aber dennoch sind die Häuser im traditionellen Riadstil gebaut. Riads haben, wenn überhaupt, im Erdgeschoss nur kleine schmale Fenster, die zu hoch liegen um heraus oder rein zu schauen. Das obere Stockwerk ist etwas vorgezogen und ragt etwa einen Meter heraus. In dieser ersten Etage haben viele Häuser größere Fenster zur Straße hin. Alle Fenster sind mit schnörkeligen Metallverziehungen gesichert und haben Fensterläden, die die meiste Zeit geschlossen sind. Das Innere der Häuser besteht aus Erdgeschoss und Obergeschoss, in denen die Zimmer einen Innenhof umrunden. Über eine Galerie gelangt man in die Zimmer. Alle Räume haben Fenster zum Innenhof. Das Dach der Räume dient als Terasse, allerdings nicht zum Sitzen, sondern um Wäsche aufzuhängen, zu waschen, zu schlachten, zu spielen, Hühner zu halten…

 

Auf den Dächern…

 

Mein Freund steigt aus dem Taxi und klopft gegen eine schlicht verzierte Metalltür. Es klingt unpassend laut und blechernd. Ebenso blechern höre ich hinter der Tür eine lachende Frauenstimme rufen: „Schkooon?“ (Ich schreibe es so, wie ich es höre. Es beutetet so viel wie „Wer da?“)

Die Tür geht auf und es quillt lachend die ganze Familie, und wer gerade so zufällig zu Besuch ist, heraus. Es ist so spät und alle sind noch wach und munter. Und vor allem sind es viele.

Ich habe keine Zeit mir erstmal zurückhaltend alles anzusehen. Auch weiß ich erstmal nicht so genau, wer nun Familie ist und wer nicht. Ich werde ebenso herzlich umarmt und geküsst, wie mein Freund. „La-bas“ „La- bas“ (Wie geht´s) klingt es um mich herum. Ich nicke und lächele verlegen. Ich bin eher von der Sorte hölzern und versuche nicht ganz so steif die vielen Umarmungen und Küsse mitzumachen.

Ich weiß nicht wohin mit mir und suche den Kontakt zu meinem Freund, der aber vollends in Beschlag genommen wird. Ich sitze schließlich in einer typisch marokkanischen Sitzecke auf reich mit Goldstickereien verzierten Kissen im überdachten Teil des Innenhofes und bekomme frischen Pfefferminztee und eine köstliche Suppe gereicht.

 

Alle wollen wissen, ob es schmeckt und wie es mir geht und gefällt. Ich nicke und lächele.

Dennoch sehne ich mich erstmal nach einem Bett und Ruhe, um anzukommen. Ich brauche Zeit. Erst Recht, wenn alles so anders ist.

Am nächsten Morgen erwache ich von dem betörenden Duft von frischem Kaffee und etwas Gebackenem. Mein Freund und ich schlafen zusammen in einem Zimmer im Obergeschoss, dessen mit Fensterläden versehenes Fenster auch in den Innenhof geht. Ich höre Spatzen vor dem Fester zwitschern. Es hallt im Innenhof wieder. Sie sitzen auf dem Geländer der Galerie.

Das Frühstück schmeckt sehr gut. Ich esse mehr, als ich eigentlich kann. Das marokkanische Frühstückscrepe ist mit frischem Honig extrem lecker. Der Honig ist in einem großen Glas und es stecken noch zwei kleine Stücke von einer Wabe darin. Das ist kein Supermarkthonig. Vielleicht schmeckt er mir deshalb besonders gut. 

Ich sehe mich um, während mein Freund lebhaft mit seiner jüngeren Schwester plaudert und lacht. Die Mama ist eher ruhig und schenkt mir mit einem warmen Lächeln frische heiße Milch ein. Die beiden Frauen tragen einen schlichten Kaftan (ein langes weites Gewand, welches mit einem Gürtel in der Teile in Form gebracht wird) mit aufgekrempelten Ärmeln und typische marokkanische Hausschuhe. (Kein Kopftuch.)

Der Boden des Erdgeschosses ist schlicht in kleinen schwarz-weiß Mustern gefliest. Die Wände in zartem Gelb gestrichen. Die Türen und Fenster zu den anderen Räumen bestehen aus rötlichem Holz und schönen Schnitzereien. Der Innenhof ist oben auf dem Dach provisorisch mit einer hellen großen Plane abgedeckt. (Im Frühjahr regnet es oft in Marrakech.) Das macht das Licht angenehm diffus. Die Spatzen schwirren durch die offenen Stellen an der Plane ein und aus. 

 

Der Blick auf das Küchenfenster im überdachten Teil des Innhofes.

 

Der Hausherr, der Vater meines Freundes, ist ein großer Mann mit sehr ernstem Gesicht. Streng blickt er aus wachen Augen jeden an. Die Mundwinkel zeigen mehr nach unten, als nach oben. Er ist fast 70 Jahre, trägt täglich eine Djelaba, und ist für sein Alter sehr fit. Ich bin etwas eingeschüchtert, merke aber schnell, dass er weniger streng ist, als man auf den ersten Blick glaubt.  Ich mag ihn schnell und wenn ich ihn anlache und grüße, huscht ein Lächeln über sein Gesicht. Manchmal klopft er mir väterlich auf die Schulter und sagt irgendwas, was ich nicht verstehe. (Nach seiner späten Mekkareise, nennen ihn alle Hadj).

Die meiste Zeit sitzt er in seinem schummrigen Zimmer im Erdgeschoss und liest den Koran. Er sagt,  den Koran sollte man immer im Abgleich mit dem aktuellen Jahrhundert lesen und nicht in seinem Entstehungsjahr verstehen. Das finde ich einen sehr weisen Gedanken, den man auf alle Religionen übertragen kann. Ohnehin beeindruckt mich dieser große Mann. Er ist ein Patriarch, sehr gläubig aber nicht verpappt, mit viel Herz und Liebe zu seiner Familie. Samstags geht er zum Fußballspielen. Und oft genug sitzt er auf dem Boden des Innenhofes, streckt seine langen Beine vor sich aus und füttert die Spatzen mit Brotkrumen. Die Frauen des Hauses schnalzen dann missbilligend mit der Zunge und er lacht dann. Er liebt Tiere.  Die Frauen ärgern sich jedoch über den Vogeldreck im Haus. 🙂

Ich habe keinen Drang Sightseing zu machen, weil ich komplett damit beschäftigt bin, in dieser anderen Welt anzukommen. Das Universum innerhalb des Riads reicht die ersten Tage für mich vollkommen aus.

Ich lausche der kantigen und rau klingen Sprache und schaffe es die ersten einzelnen Wörter heraus zu fischen. Ich bade in den Gerüchen nach Chlor (dem Putzwasser geben sie ein paar Spritzer Chlor bei und es wird jeden Tag gewischt, wegen des Staubes überall), frischer Minze, Koriander, Kreuzkümmel, frischem Kaffe, Olivenöl, Seife, Grillduft und betörendem frischen Pfefferminztee (unglaublich lecker!). 

 

Im Riad selbst ist es angenehm ruhig und erstaunlich kühl. Geräusche von der Straße dringen nur gedämpft ins Haus. Manchmal hört man Kinder auf der Straße krakelen, die schon bald regelmäßig nach mir rufen werden.

Morgens laufen Händler durch die Gassen und preisen lauthals mit einem gleichbleibenden Singsang Brot, Tee und andere Waren an. Hin und wieder knattert ein Mofa vorbei und ein Hupen erklingt. Morgens kommt jeden Tag die Müllabfuhr, wegen der Hitze.

 

Frauen in Marokko

Aus der Nachbarschaft schauen immer mal Frauen herein. Die Frauen tragen im Alltag eine Djelaba über dem Kaftan und manche auch ein locker gebundenes Kopftuch (wie ein Piratentuch gebunden). Bei einigen der jüngeren Frauen kommt es mir eher vor, wie ein Accesoire. Es passt zur Djelaba, hält die zumeist wunderschönen dicken und langen Haare bei der Hausarbeit aus dem Gesicht und sie können sich jeder Zeit auf die Straße begeben ohne in irgendeiner Weise kritisch beäugt zu werden. Ich finde, es steht vielen ausgesprochen gut.

Die älteren Frauen binden das Kopftuch für Gänge außer Haus etwas sorgfältiger. Zu Hause im Kreis der Familie nehmen sie es einfach wieder ab.

Neben der ältesten Schwester und der jüngsten Schwester, lebt noch ein junges Mädchen ca 16 Jahre mit im Haus, welches den Haushalt mit führt und Dienstbotengänge macht. Sie kommt vom Land aus einer armen Familie und darf gegen ihrer Arbeit im Haus die Schule besuchen und hat freie Kost und Logis. Das Verhältnis ist so innig, dass ich sie zuerst auch für ein Familienmitglied halte. Was sie in dieser Familie auch ist. (Ich fürchte, das geht nicht alles Dienstmädchen so. Sie werden meist mit 12 Jahren aus den armen Dörfen geholt und bekommen jenes verlockende Angebot, werden tatsächlich aber ausgebeutet und schlecht behandelt.) 

Wenn ich etwas brauche oder waschen muss, heißt es immer: „Schick das Mädchen, sie macht das“.  Aber das ist mir unangenehm. Ich kann einfach meine „Arbeit“ nicht abgeben. Es fühlt sich für mich ganz blöd an. Auch wenn es dem Mädchen in dieser Familie ausgesprochen gut geht.

Ohne die Arbeit im Haus der Familie, müsste das Mädchen im Dorf der Eltern ein ärmliches Dasein ohne Chancen auf Bildung fristen, oder wäre tatsächlich in einer weniger netten Familie gelandet oder müsste gar schlimmere Dinge tun, um an Geld zu kommen.

Die Marokkaner sagen in den Diskotheken die Frauen ohne männliche Begleitung sind alles Prostituierte. Klingt unverschämt?

Es SIND meist Prostituierte, die auf diesem Weg irgendwie versuchen Geld zu verdienen, womit sie ihre Familien in den entlegenen Dörfern finanzieren. Sie haben nicht das Glück als Haushaltshilfe bei einer netten Familie arbeiten zu können.

Verbreitet ist auch, so erzählt man mir, dass junge Frauen von Scheichs und anderen reichen Touristen in schicke Hotels zu wahren Orgien bestellt werden. Sie müssen nackt tanzen, werden mit Geldscheinen bestückt und müssen allerlei über sich ergehen lassen.

Privilegierte Frauen gehen in Begleitung der Brüder oder Freunden der Familie aus. Und sind dann übrigens sehr rausgeputzt. So rausgeputzt, dass ich mir bieder vorkomme. 

Ich erlebe die Frauen Marokkos in ihrem Frausein als sehr selbstverständlich und natürlich. Körperlichkeiten werden ungezwungen gelebt. Gegenseitige Fürsorge und Pflege sind selbstverständlich. Wirklich, ich empfinde vor allem die Frauen untereinander irritierend nah und ungeniert.

Die Hamam-Kultur lebt davon, dass man sich gegenseitig wäscht. Verwand oder nicht. Die Hingabe dabei ist rührend und ich komme nicht umhin, mich als Europäerin einmal mehr als verklemmt zu empfinden.

Einzig Männer und Frauen untereinander halten mehr oder weniger Abstand, vor allem in der Öffentlichkeit. Es gibt Männer, die einer Frau nicht mal die Hand schütteln und die, die auch Frauen ungezwungen mit mehreren Küssen auf die Wange begrüßen. Gleichgeschlechtlich sieht man viele Einheimische Händchen halten. Allerdings ist es ein Freundschaftszeichen. Mit meinem Freund kann ich nicht Händchen haltend durch die Stadt laufen. Mit dem eigenen Ehemann geht es übrigens auch nicht.

Die Frauen halten gewisse „Frauendinge“ auch vor den Männern „geheim“. 

So war mein Freund bis Mitte 20 der Meinung, marokkanische Frauen hätten immer enthaarte Beine. Auch im Winter. Er hielt mir dazu einen Vortrag, weil ich meine Beine nicht rechtzeitig wieder rasiert hatte. Als seine Schwester fragte, worüber wir diskutierten, lachten alle Frauen des Hauses auf und zogen ihre Hosenbeine über die Knie. Das Wetter lud nicht zum Beinzeigen ein, also hatten auch sie Stoppeln und Haare auf den Beinen. 😀

Beziehungen

Heiratet eine Frau, zieht sie mit ihrem Mann traditionellerweise zu den Schwiegereltern. Wenn sie sich von ihrem Mann trennt oder von ihm verstoßen wird, ist sie vom Goodwill ihrer Eltern abhängig. Da kommt es dann darauf an, wie aufgeklärt oder konservativ verhaftet die Familie ist. Die Frauen sind schnell mal „eine Schande“ für die Familie. Vor allem in den weniger priveligierten Kreisen.

Es gibt immer wieder Frauen aus der einflussreichen Schicht des Landes, die  engagiert und emanzipiert handeln und sich für Frauenrechte stark machen und auch aktiv einsetzen. Die mittlerweile verstorbene Tante des aktuellen Königs ist so ein Beispiel. 

Dennoch ist und bleibt vieles aus westlicher Sicht schwer verdaulich.

In Marrokko sieht man viele verrückt scheinende Männer auf der Straße. Man erzählt mir (den Wahrheitsgehalt vermag ich nicht einzuschätzen), dass die in einer Ehe unglücklichen Frauen, ihre Männer vergiften, damit sie irre werden.

Es gibt eine Menge Kräuter, Pulver und seltsame Dinge zu kaufen und auch ein gewisser Aberglaube, (wohl von den Berbern mitgebracht) kursiert. 

Während auf dem Land immer noch sehr junge Frauen mit Männern verheiratet werden, die sie kaum kennen und die zum Teil deutlich älter sind, können die Frauen in der Stadt viel mehr selbst entscheiden. 

Es ist, wie überall ein Bildungsproblem. Wer etwas lernt, über den Tellerrand hinaus blickt, der wird schnell sehen, dass alte Traditionen oft nicht mehr zeitgemäß sind.

Und was Verhütung angeht, erschreckt man sich. Die Pille als Verhütungsmittel ist auch in Marokko bekannt und wird genutzt. Allerdings von vielen ganz falsch. Man erzählte mir, dass immer wieder Männer bei einem Doktor um Rat fragten, weil die Frau trotz Pille immer wieder schwanger würde. Die erschütternde Realität war, die Frau nahm immer nur eine Pille nach dem Geschlechtsverkehr.

Die Berberfrauen des Landes leben dagegen recht frei und selbstbestimmt. Sie wirken stets sehr stolz und kommen mir mit ihren traditionellen Tätowierungen im Gesicht fast wie Punks vor.  Von einem strengen Blick und einem Kopftuch sollte man sich nicht in die Irre führen lassen. 😉

 

Sprache ist so wichtig

Als die Kinder der Straße mich entdeckt haben, freuen sie sich über die freundliche „Kartoffel“. „Patata“ rufen sie mich. Es klingt ähnlich wie mein Name, den sie nicht sprechen können UND ich komme aus dem Land der „Kartoffelesser“. Nicht zuletzt in Marokko festigte sich mein Spitzname Beatrice. Den kann nämlich jeder sprechen. Die Kinder laufen mir lachend hinterher, wenn ich das Haus verlasse. Sie fassen meine Haare an, und finden mich einfach furchtbar spannend. In ihrem Stadtteil sind nur selten Europäer unterwegs. Mit den Kindern ist die Kommunikation viel ungezwungener und einfacher über Gestik und Mimik. Jedenfalls fällt es mir leichter und sie sind auch weniger fixiert auf das exakt gesprochene Wort.

Schnell merke ich, wie wichtig Sprache für mich ist.

Eines der entscheidensten Erkenntnisse aus den Marokkoreisen war, dass ich ohne Sprache auch nur wenig Persönlichkeit habe. Mit meinen paar Brocken Französisch komme ich nicht weit, zumal der Akzent der Marokkaner mich verwirrt. Englisch spricht kaum jemand. Und Deutsch erst recht nicht. Einzig ein scheinbar steinalter Nachbar, ein Kriegsveteran. „Gutten Tak!“ spricht er stolz, wenn wir uns auf der Straße begegnen und freut sich. Er sagt: Die Marokkaner wären besser von den Deutschen besetzt worden. Die Franzosen seien genauso chaotisch wie die Marokkaner. Ein bisschen Ordnung würde dem Land allerdings nicht schaden.

Ohne Sprache ist man isoliert.

Wie groß muss die Isolation sein, wenn man ohne Sprache, ohne Anschluss in einem fremden Land und einer anderen Kultur ankommt?

Ich werde ja nun herzlich und aufgeschlossen aufgenommen und habe einen Dolmetscher dabei. Und dennoch fühle ich mich manchmal isoliert. Ich muss auf das vertrauen, was mein Freund übersetzt. Meine Drang ist groß selbst mit den anderen kommunizieren zu können.

Bei weiteren Reisen lerne ich noch einen Bruder und eine Schwägerin (die ungefähr gleich alt ist, wie ich) kennen, die beide gut Englisch sprechen. Das erweitert meinen Spielraum enorm. Mit der Schwägerin mache ich auch kleine Touren alleine. Wir sind mit dem Auto allein unterwegs und fühlen uns wie Freundinnen.

Ansonsten klebe ich ziemlich an meinem Freund, da ich mich ohne seine Übersetzung eher hilflos fühle. Es ist einfach auch alles so anders, dass ich Sicherheit suche.

Abends spielt mein Freund lange, bis spät in die Nacht, mit seinen Brüdern Karten. Es hört sich für mich immer an, als hätten sie einen schlimmen Streit und würden sich gleich an die Gurgel gehen. Wenn man sich dazu setzt und sie beobachtet, merkt man schnell, dass sie zwar wild klingen, aber in ihren Gesichtern und ihre Gestik erkenne ich viel Spaß. Wie man doch eine Sprache, die man nicht versteht, fehl interpretieren kann.

 

Marrakech

Das Rufen des Muezzins bringt einen gewissen Rhythmus in die Abläufe des Alltags. Ich mag es vor allem am Abend sehr. Ich weiß nicht warum. Es ist laut und wird durch blecherne Lautsprecher über den Dächern der Stadt zu einem verschwommenen Brei aus Klängen. Eine Wolke aus lang gezogenem „Allaaaaaaaaaaaaaahu Akbar“. 

Die Stadt Marrakech lerne ich zunächst auf dem Gepäckträger des Mofas der Familie kennen. Mein Freund steuert es versiert durch die verschiedenen Stadtviertel und zeigt mir alles. Ich staune einfach über alles. Die Menschen, den Verkehr, die Souks, die Medina…den Alltag.

Ich mag die Gerüche und die Geräusche, die Farben. Das Gewusel in der Medina macht mich nicht nervös, sondern ich fühle mich, wie ein Fisch im Wasser. Es ist eines der Dinge, die sich irritierend vertraut für mich anfühlt. Ein anderes Phänomen ist, dass ich mich in Marokko nicht weit weg fühle, sondern mitten drin. 

Die Gassen sind schmal, Menschengewimmel. Frauen in Djelabas, die ihre Kinder so lässig in einem Tuch auf dem Rücken tragen, dass ich mich wundere, wieso die Kindern nicht raus fallen. Mofas, die sich durch die schmalen Gassen mit Menschen drängeln. Männer mit Eselskarren. Alle transportieren geschäftig Dinge. Die Frauen tragen vornehmlich Einkäufe für die Malzeiten nach Hause. Omnipräsent sich dünne Plasiktüten in Schwarz oder Schwarzweiß gestreift. Sie flattern leider auch viel zu oft im Straßengraben an einem dörren Gebüsch herum. 

Es duftet nach Oliven, Gewürzen, Tee und ist durchmischt von Mofaabgasen.

Hier und da stehen Bettler. Manche Gässchen sind ganz still und einsam. Biegt man ohne Ortskenntnis irgendwo ab, hat man sich schnell verlaufen.

 

Djemaa el Fna: (1998) (Beitragsbild)

Am Tag ein gnadenlos sonnen beschienenen Platz im Zentrum Marrakechs, auf dem nicht sehr viel los ist. Orangensaft-Händler reihen sich aneinander. Alle mit einem gleich aussehenden Stand. Handleserinnen, Hennafrauen, Schlangenbeschwörer deren leierndes Flötenspiel den Platz auch am Abend noch einlullen, und am Abend ein buntes Treiben. Noch bevor die Sonne unter geht, bauen Köche und die, die es werden wollen, ihre Stände auf dem Platz auf. Garküchen mit Tischen, Bänken (und damals noch mit einer einzigen Glühbirne als Beleuchtung und ohne Überdachung) reihen sich nebeneinander. Rauchschwaden und der Duft nach orientalischen Gewürzen wabern über den Platz. An einer Seite flankieren die Schneckenverkäufer den Platz. Sie kochen in großen Aluschüsseln Weinbergschnecken. Stolz tronen sie mit weißen Kochschürzen hinter ihren Ständen. Beschienen von einer einzelnen Glühbirne auf einer langen Stange.

Touristen sieht man nur wenige auf dem Platz. Meistens laufen sie einem Reiseführer als Trupp hinterher. Überwiegend wird der Platz von Einheimischen besucht. Gaukler legen sich nun mächtig ins Zeug. Männer in Frauenkleidern präsentieren Bauchtanz, kleine Theaterstücke werden preis gegeben und die Gnouas lassen ihr hypnotisch rhythmisches tatakkatak- tatakkatak-tatakkatak der großen Zimbeln und ihren rauen monotonen Gesang erklingen. Dazu kreiseln sie die Trotteln auf ihren mit Gold bestickten Hüten im Kreis.

Einige Garküchen sind nur spärlich besucht. Andere hingegen völlig überlaufen. Wer gutes Fleisch anbietet, hat mehr Zulauf. Angeboten und verwertet wird übrigens alles vom Tier.

Wenn man mit dem Auto kommt, bringt man es etwas Abseits neben der Koutoubia Mosche auf einen Parkplatz. Die Autos stehen dicht an dicht. Während ich mich frage, wie man dort parken soll und vor allem, wie man wieder heraus kommt, übergibt mein Freund die Autoschlüssel einem Parkplätzwächter. Geld und ein Zettel werden getauscht und dann das Auto dem Parkplatzwächter übergeben. Der parkt dann das Auto und holt es auch später wieder aus dem „Parkplatzpuzzel“ heraus. Ich finde erstaunlich, dass dieses System funktioniert. (Wertsachen werden übrigens im Kofferraum eingeschlossen, sofern man sie nicht mit nehmen möchte.) 

Außerhalb der Medina gibt es den neuen Teil Marrakechs. Hier ist vieles sehr modern und europäisch geprägt. Große Mehrfamilienhäuser säumen großzügige Straßen und überall ist es begrünt. Schicke Geschäfte und Cafés reihen sich nebeneinander. Immer mal wieder sitzen einzelne Männer in traditionellem Gewand im Schatten und warten auf etwas. Sie wirken wie Fremdkörper in dieser im Vergleich polierten Umgebung.

Was mir auffällt, sind die vielen Kutschen, die man für eine Stadtrundfahrt buchen kann. Während ich mich echauffiere, dass einige Pferde ganz schön mager und runter gekommen aussehen, erklärt mein Freund die Krux an der Sache. Die Menschen sind arm und die Kutschfahrten die einzige Einahmequelle. Aus welchem Grund auch immer ein so klappriges Pferd vor der Kutsche steht….wenn die Touristen alle aus Tierschutz-Gedanken diese Kutschen meiden, verdient der Kutscher nichts und kann sein Pferd nicht richtig füttern. Die Familie geht vor. Eine ungünstige Spirale kommt in Gang.

 

Traditionen

In der Familie steht eine Hochzeit an. Am Vorabend bekommen die Frauen Henna Bemalungen an Händen und Füßen. Dazu wird extra eine Henna-Frau eingeladen, die fachkundig die Paste anrührt und kunstvoll mit einer Spritze aufträgt. Ich stelle mir vor, dass das Hennatatoo dunkelbraun, fast schwarz sein würde. Aber das wird sofort abgewunken. Pasten, die diese ganz dunklen Tatoos erzeugen, seien mit fragwürdigen Inhaltstsoffen angemischt. Von Benzin ist die Rede. 

 

Die Hennabemalung sieht aus wie Handschuhe. Und mir ist es gestattet so leicht bekleidet herum zu laufen.

 

Die Familie und auch Nachbarn sitzen beisammen. Es wird Musik aufgelegt, Tee getrunken und reih um die Bemalung aufgetragen.

Plötzlich wird es dunkel und leise. Alle stöhnen genervt auf und brechen dann  lachend in Applaus aus. Stromausfall. Schnelle Schritte bringen Kerzen und nach einer kurzen Beratung läuft ein Mädchen los und kommt 20 Minuten später mit einem Trupp Musiker wieder. Sie haben nur Percussion Instrumente und ihre Stimmen. Alle singen und sogar die Türrahmen werden von einzelnen Familienmitgliedern noch gekonnt noch als Rythmusinstrument genutzt. Alle haben Spaß und Tanzen.

 

Musiker

 

Spät in der Nacht ist die Henna- Frau fertig. Die Hände und Füße werden nun mit einem Öl- Knoblauch-Zwiebel-Zitronen-Sud betupft und in Tücher gewickelt. So gehen alle schlafen.

Am nächsten Morgen kratzt man dann die festgetrocknete Hennapaste mit einem Messer von der Haut (anders geht sie nicht) und cremt danach alles gut mit Olivenöl ein.

So eine marokkanische Hochzeit ist ein Erlebnis. Im Haus der Nachbarn ist eine kleine Bühne aufgebaut und eine klassisch orientalische Band spielt schon am frühen Vormittag auf. Es stehen weiße und braune Plastikstühle im Kreis um die Bühne. Darauf sitzen Frauen in ihren schönsten Kaftans. Das Haar kunstvoll hochgesteckt und alle sind sorgfältig und auffällig geschminkt. Kellner im Livree reichen auf großen Tabletts Tee, Kaffee und vorzügliches landestypisches Klein-Gebäck (zarte Gazellenhörnchen mit Orangenblütenwasseraroma sind meine absoluten Favoriten). Die Frauen lachen, klatschen und wiegen sich in der Musik. Die Musik ist sehr klassisch orientalisch. Schwer und beinahe betäubend legt sie sich auf all meine Sinne. Ich stehe selbst in einem Festkaftan, der  von einem schweren Goldenen Gürtel in der Taille in Form gehalten wird und fühle mich fremd. Alle wollen die Ausländerin mal sehen und begrüßen. Ich werden von vielen fremden Frauen geherzt und geküsst und in die Wange gekniffen.

Mittags gibt es Essen und danach wird die Stimmung immer ausgelassener. Obwohl kein Tropfen Alkohol fließt. Bei einer bestimmten Sorte Musik lassen die Frauen ihren typischen „Leierlaut“ (Ulullieren) hören. Eine art Schrilles Jodeln, welches sie hinter vorgehaltener Hand mit Hilfe ihrer Zungen erzeugen.

Die Jüngeren öffnen die schönen Hochsteckfrisuren und headbangen auf den Stühlen stehend.

Ich staune nicht schlecht. Ich bin nach einem halben Tag hypnotisiert von der Musik. Ich mag die Sorte orientalische Festmusik eigentlich nicht, aber ich kann ihr nicht entkommen und erahne, dass die Frauen selbst auch von dieser Musik in anderen Spähren unterwegs sind. Statt Drogen : Musik.

Noch später am Tag, es ist schon Abend, tanzen Männer und Frauen neben einander und ich bekomme den ersten Schimmy (eine schnelle kleine Bewegung der Beine, welche das Becken zittern lässt.) meines Lebens von dem Bruder meines Freundes vorgeführt. Ich vermag es nicht nach zu machen. Und wir müssen ziemlich lachen. (Es soll einige Jahre und Tanzstunden daueren, bis ich es selbst kann.)

Das Brautpaar sitzt an so einem Tag überlicherweise auf einer Art Thron nebeneinander und die Braut wird 5 mal am Tag umgezogen. 

 

Die Berge- Raum und Zeit lösen sich auf

Wir fahren sehr viel Auto, weil wir  im Land verstreut wohnende Verwandte und Freunde besuchen „müssen“. Alle laden uns ein. Es ist eine Mischung aus Pflichtbesuchen und Sightseing. Bei den Fahrten nehmen wir oft noch andere Verwandte oder Freunde mit. Ich habe noch nie so viel Zeit im Auto sitzend zugebracht. Ich merke einmal an, dass es schade um das schöne Wetter sei. Mein Freund sagt in seiner liebenswerten Art mit verdrehtem Satzbau: „In Marokko, wir wollen manchmal kotzen von die Sonne.“ Er wird wohl recht haben. 

An einem Wochenende besuchen wir einen Bruder, einen Lehrer, der mit seiner Frau und den zwei Kindern in den Bergen wohnt. Der Tag ist ausnahmsweise grau, kühl und ungemütlich. Ich bin auch nicht in Reiselaune.

Auf dem Weg dorthin durchqueren wir einsame Landstriche in denen immer wieder aus dem Nichts heraus Menschen am Straßenrand auftauchen. Irgendwo im Nirgendwo ist immer ein Mensch unterwegs. Woher er kommt und wohin er geht ist nicht zu erkennen. Manchmal stehen einzelne unfertige oder einfach nur unfertig aussehende Häuser am Straßenrand. Aus roten Lehmziegeln gemauert. Häuser, wie sie als Reihenhäuser oder Riads in den Marokkanischen Städten stehen. Nur dass hier die Stadt drum herum fehlt. Die Häuser ragen einsam aus der Ebene und warten auf die Stadt, die sich an die Hausseiten anbaut. „Inshallah“ (So Gott will)

Die kleine Stadt liegt am Berg. Das ungemütliche Wetter verstärkt mein Gefühl von Antipathie. Ich weiß nicht, was mich hier stört. Der schönste Ort kann mich schaudern, und ein hässliches Dorf kann mich wärmen. Nennt mich spinnert. Es sind irgendwelche Schwingungen.

An das Haus des Bruders kann ich mich nur von Innen erinnern. Dafür aber als sei es gestern gewesen. 

In einem kleinen, schlichten, aber hübschen Wohnraum werden wir mit einem köstlichen Tajin bewirtet.

Direkt neben dem Wohnraum liegt die kleine Küche, in der die Familie eine Katzenwäsche macht und sich auch die Zähne putzt. Das Spülbecken ist aus Stein, sehr breit aber nur eine Handspanne tief. Das bleib mir besonders in Erinnerung.  Zum Duschen geht die Familie ins Hamam.

Eine Toilette gibt es aber. Es ist allerdings eine Art großzügiger Verschlag gegenüber der Haustür mit einem „Plumpsklo“. Es ist sauber, aber weit davon entfernt, was ich als Toilette gewohnt bin. Die Tür hat unten einen Handbreiten Abstand zum Boden, so dass man keine wirkliche Privatsphäre hat. In dem Loch im Boden steckt eine mit Wasser gefüllte Glasfalsche, die die Gerüche im Abfluss hält. Vor der Benutzung der Toilette muss man die Flasche heraus nehmen. An der Wand hängt ein Schlauch an einem einfachen Wasseranschluss in Kniehöhe. Ein Eimer und ein Stück Seife liegen ebenfalls bereit. Es ist mehr, als so mancher Buschbewohner hat und doch so ungewohnt spartanisch.

Obwohl es fließendes Wasser und elektrischen Strom gibt, wird mir bewusst, welchen Luxus ein richtiges Badezimmer bedeutet. 

Wir schlafen in einem fensterlosen Raum. Das mag ich per se nicht, weil ich dann nicht weiß, wann es wieder morgen ist. Eine Nachtischlampe oder so etwas gibt es auch nicht. Ich fühle mich in der absoluten Finsternis und so abgeschnitten vom Draußen sehr unwohl und falle in einen unruhigen Schlaf. Ich träume ziemlich schräge und sogar unangenehm Dinge, die ich in Teilen noch heute vor Augen sehen und wache schließlich vom Krähen eines Hahnes auf, der sich penetrant in meine Träume gelärmt hat. Ich bin so orientierungslos in diesem dunklen Raum. Wo kommt das Hahnengeschrei her?

Tatsächlich bin ich froh, nicht eine weitere Nacht dort schlafen zu müssen.

Ein andermal fahren wir in die Berge zu den Eltern eines Freundes. Meine Armbanduhr trage ich schon lange nicht mehr. Zeit und Raum lösen sich beinahe auf. Außer das tägliche Gebet scheint nichts pünktlich zu geschehen und gefühlt verbringt man die meiste Zeit mit Warten auf irgendwas oder irgendwen. 

Unterwegs müssen wir noch hier und da anhalten, um etwas abzugeben oder um einen Tee zu trinken. Streicht das Oder. Der Tee MUSS immer sein und erklärt mitunter auch die Unpünktlichkeit in diesem Land. 

Der Weg ist das Ziel.

Ich bin übrigens die ganz links. 🙂

 

„Makein mushkil“- „Es gibt kein Problem“ diese Worte werden zu einem geflügelten Satz.

In einem kleinen Dorf am Fuße der Berge steht ein flaches Haus aus roten Lehmziegeln im Schatten eines lichten Baumes, an dessen Fuß kleinblättriges und sehr aromatisches Basilikum wächst. In einem schlichten Wohnraum liegen rund herum auf dem Boden schöne dicke Sitzkissen. In der Mitte steht ein runder Berbertisch. Der Senior des Hauses sitzt an die Wand gelehnt auf dem Boden und schaut auf ein schlafendes Baby, dass in der Djelaba auf seinen Knien liegt, wie in einer Hängematte. Die Frauen bereiten uns Tee. Alle wirken entspannt, glücklich und zufrieden. Ein Mehrgenerationenhaushalt, in dem alle eine Aufgabe haben. 

In einem anderen Dorf sind wir ebenfalls zum Tee geladen. Ich weiß nicht in welchem Verwandschaftgrad oder was auch immer sie stehen. Ich verliere den Überblick bei allen Tanten Cousinen und Brüdern. Das flache kubische Haus hat einen wunderschönen Garten mit einer verwunschenen Terasse. Der Boden der Terrasse ist mit Teppichen und Kissen ausgelegt und eine einfach Rankhilfe ist von Trauben bewuchert und spendet Schatten. Die Trauben sind reif und können sofort gepflückt und gegessen werden. Sie schmecken sehr sehr gut und ich genieße den Bohemien Traum in Vollendung.

Ein Esel kommt gelaufen und schnaubt. Er trägt einen Korb, der an einem Gurt am Rücken befestigt ist. Man erklärt mir, dass der Esel jeden Tag alleine seine Runde durch das Dorf macht und irgendwas transportiert. (Ich glaube es war Milch.) Unbedingt soll ich mal auf dem Esel reiten und ein Foto machen. Für Gäste aus fernen Ländern wird stolz alles fürs Amüsement getan.

 

Mit Anlauf 😀

 

Ich bin berauscht vom Frieden und dem Aroma des Dorfes.

Als wir uns verabschieden wollen, sollen wir noch kurz warten. Eines der Kinder versucht ein Huhn für uns zu fangen. Es ist gar nicht so einfach. Wir lachen. Wir bedanken uns für das großzügige Geschenk.

Auf der Rückfahrt sitzt das Huhn auf meinen Schoß gekuschelt. Es fällt mir schwer daran zu denken, dass ich es am nächsten Tag essen werde. (Aber es wird mir schmecken! Das Thema Fleisch kommt auch noch mal gesondert zum Schluss, für die die es wissen wollen.)

 

 

Essouira und Casablanca

Mit einem marokkanischen befreundeten Pärchen fahren wir zusammen nach Essouira, Wir wollten einen Tagesausflug machen. Die junge Frau hat ein Faible für amerikanische Countrymusic und so hören wir auf der Fahrt Country. Sie spricht ganz passabel Englisch, so kann ich mich ohne Dolmetscher unterhalten. Das ist sehr angenehm. 

Es ist März und Essaouira ist noch ganz ausgestorben. Wir schlendern durch die leeren Gassen und lassen uns am Hafen den kräftigen Wind um die Ohren wehen.

Der Freund meines Freundes erzählt dann, er habe eine Tante in Casablanca, die ihn eingeladen hätte zu kommen. Ob wir nicht einfach alle spontan hin fahren wollen. Die Strecke an der Küste entlang sei sehr schön.

In meinem Kopf läuft sofort wieder ein Programm: „Oh, es ist schon später nachmittag, dann kommen wir da super spät abends an, voll unhöflich. Noch dazu sind wir doch gar nicht mit eingeladen und überhaupt…Ich habe doch gar keine Schlafsachen dabei! Das geht nicht!“ und: „Ich hab so viel gesehen heute, wie soll ich dann in Casablanca klar kommen?“

Nach einem kurzen Telefonat fahren wir.

Die Strecke an der Küste entlang ist wirklich wunderschön. Zwischen grünen Wiesen mit weidenden Eseln und wüstenähnlichen Landstrichen, schäumt das glitzernde Meer in der Ferne.

Mitten in der Nacht fahren wir in Casablanca in einem modernen Stadtviertel vor. Vor uns liegt ein großes mehrstöckiges Mehrfamilienhaus. In einer der oberen Etagen werden wir herzlich empfangen und es duftet nach Tajin. Die Tante hat um 22 Uhr nochmal den Herd angeworfen. Keine Spur von ungelegenem Besuch. Im Gegenteil, sie freut sich. Wir essen, wir lachen, ich lausche den Gesprächen, die ich nicht verstehe und schließlich schlafen wir auf provisorischen aber bequemen Nachtlagern. Die Wohnung ist europäisch geschnitten, aber marokkanisch gestaltet mit aufwendig gemusterten Fliesen an den Wänden, die den Raum angenehm kühl wirken lassen. Ich schlafe sehr gut.

Dieses süße Knäuel begrüßte uns morgens. Da hab ich mich ein bisschen verliebt. Der war zu schnuckelig.

Casablanca besuche ich noch einige Male. Einmal fahren wir mit dem Zug von Marrakech nach Casablanca und einmal landen wir dort mit einem Flieger aus Amsterdam. Wir besuchen dort einen Bruder, der außerhalb der Stadt in einer Art Feriensiedlung ein Häuschen am Strand bewohnt. Der Atlantik knallt dort laut rauschend und unermüdlich an die Küste. Er ist so laut, dass ich mir wünsche, obwohl ich Meeresrauschen sehr mag,  es möge mal pausieren. Eine Haushälterin versorgt uns mit leckerem Essen. Immer frisch und herzlich serviert. Die Haushälterin ist auch eher wie eine Tante und umsorgt uns auch so. Beinahe mütterlich. Zu Familienfesten ist sie auch eingeladen. Sie gehört dazu.

Casablanca Stadt. Die weiße Stadt. Alle Autotüren werden von innen verriegelt und Fenster geschlossen gehalten. Diebstalschutz.  An einer mehrspurigen Hauptzufahrtstraße stehen Luxusvillen gegenüber von „Sozialem Wohnungsbau“. Auf der einen Straßenseite ist alles clean, futuristisch oder sorgfältig traditionell verziert und aufgeräumt, üppige Blühpflanzen umrahmen die schicken Häuser hinter schneeweißen Mauern. Auf der anderen Seite spielen auf staubigen Vorplätzen Kinder Fußball und Wäsche trocknet auf Leinen, die zwischen schmuddeligen Häusern und stolzen Bäumen aufgespannt sind. Ich weiß nicht wo ich zuerst hinsehen soll. Auf der einen Seite die Pracht. Auf der anderen Seite das Leben. 

Ähnlich verstörend ist es rund um die große Moschee in Casablanca. Ein riesiger Prachtbau, bei dem man das Dach der riesigen Gebetshalle öffnen kann, so dass die Sonne die prunkvollen Räume fluten kann.

Die Armenviertel unweit der Moschee sind hinter einer schmucken Mauer gut verborgen. 

Nirgendwo fand ich die bewusste Abgrenzung der modernen und bessergestellten Marokkaner vom „ungebildeten Pöbel“ deutlicher, als in Casablanca.

Weiße Altbauten und moderne Mehrfamilienhäuser bestimmen das Stadtzentrum. 

Wir biegen in eine Seitenstraße ab. Die Dämmerung setzt langsam ein. Die Muezzine rufen ihr abendliches blechern klingendes Lied. Allaaaaaaaaaaaaahu Akbar.  Von überall her wabert es leicht asynchron über die Dächer und hallt in den Straßenschluchten wie ein Echo wieder. Wir halten vor einem Haus. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite ist ein in die Jahre gekommener orientalischer Mosaikbrunnen in eine Wand eingelassen. Um diesen Brunnen haben sich Waschfrauen und Männer mit ihren Eselkarren versammeln. Es wird getränkt, geschrubbt und gewaschen. Alles auf der Straße rund um den Brunnen. Ich kann mich nicht satt sehen. Hinter mir ein modernen mehrstöckiges Mehrfamilienhaus. Gegenüber geschäftiges Treiben aus einer anderen Zeit. Und mittendrin ich. Wie in einem Film.

Wir sind eingeladen bei einem Cousin. Ein strenger Moslem mit langem Bart und Djelaba. Er gibt Frauen nicht die Hand. Seine Frau ist noch sehr jung und auch sehr züchtig  und sorgfältig in helle Tücher gehüllt. Nur das Gesicht ist zu sehen.

Etwas steif nehmen wir Platz in einer marokkanischen Sitzecke und bekommen Couscous serviert. Ich fühle mich unsicher in diesem extrem konservativen Rahmen und möchte nichts falsch machen. Während die anderen höfliche Konversation machen, denke ich an den Brunnen vor der Tür. Da säße ich nun lieber und würde mir alles ansehen.

 

 

Armut

Casablanca ist auch die Stadt der Straßenkinder. Immer wieder sehe ich sie mit großen hungrigen Augen auf der Lauer liegen. 

Wir sitzen vor einer Art Imbissbude auf weißen Plastikstühlen und essen Pommes Frites. Es ist zu viel und wir schaffen es nicht alles auf zu essen. Wir schieben die Teller von uns weg. 

Schnell eilen ein paar Straßenkinder in schmuddeliger Kleidung herbei und greifen sich so viele Pommes Frites, wie sie können. Ich würde ihnen so gerne den Teller sofort mit geben oder noch lieber sie einladen sich zu setzen. Aber schnell beeilt sich ein Kellner alles abzuräumen und vertreibt die Kinder. Es bricht mir das Herz. 

Die Erklärung ist: wenn man es durchgehen lässt, werden es immer mehr Straßenkinder, die den Imbiss umlagern und das hält die Kunden fern. Der Imbisbudenbesitzer kämpft selbst um sein Auskommen. Ich verstehe. Doch finde ich es furchtbar. 

Was Armut bedeutet (und Marokko ist nicht mal die dritte Welt) sieht man an jeder Straßenecke. Wenn man spät nachts in Marrakech den Djemaa el Fna kreuzt, sieht man, wie Bedürftige die Reste der Garküchen erbetteln. 

Kinder und Alte betteln auch am Tag um ein paar Dirham. Fürs Hamam. Für etwas zu essen. Es werden keine Reichtümer erbettelt. Die Einheimischen geben selbst immer ein paar Münzen ab.

Ich verstehe schnell, warum die „reichen“ Touristen, die aus dortiger Sicht unfassbar reich sind, (denn sie können sich diese Reise leisten!), penetranter angebettelt werden, als die Einheimischen. Jeder möchte wenigstens ein kleines Stück vom Kuchen ab haben. Und sie wissen es nicht besser. Vielleicht ist es ihnen in ihrer Abgestumpftheit auch egal.

Ich durfte Einblicke in Häuser bekommen, in denen ein Europäer freiwillig nicht leben würde. Die Armut sieht und riecht man. Und auch hier wird so manches Klischee aus Film und Fernsehen bedient. Und doch wird man herzlich empfangen und es wird großzügig geteilt. Ich fühle mich in diesen Momenten sehr schlecht. Aber nichts vom Angebotenen anzunehmen, wäre eine Kränkung. 

Ein paar Mal sind wir bei Leuten eingeladen, da soll ich nichts zu essen annehmen. Nur Tee trinken. Da kann nichts passieren. Aber es gibt offenbar Haushalte, bei denen selbst Einheimische nach der Malzeit mit Verdauungsproblemen zu tun haben. Wir bleiben auch nie lange. Die Besuche sind geschickt zwischen anderen Termine gebettet. Und trotzdem kommen wir überall später als verabredet.

Sie erzählen mir von einer Hochzeit, da wären Kakerlaken aus dem Essen gesprungen. Eine Mischung aus Ekel und lustiger Erinnerung an die Gesichter der Gäste lässt die Runde lachen und sich schütteln. 

 

Und trotzdem fröhlich

Was mir nicht nur in meiner Gastfamilie auffällt ist, dass unglaublich viel gelacht und gescherzt wird. Das Land kommt mir, trotz Armut und nach europäischem Standard gesehen, sehr einfachen Lebensbedingungen und einigen Problemen, unglaublich heiter und auch großzügig vor.

 

Abschied vom „alten“ Marrakech

Im Laufe der Jahre hatte die Familie auf dem Dach des Hauses noch zwei Schlafräume errichtet und auf das offene Dach zum Innenhof ein Glasdach setzen lassen. (Nicht ohne einige kleine Fenster zum Öffnen dabei zu haben, durch die die Spatzen weiter ins Haus hinein und hinaus fliegen konnten.) 

Die Kinder des Hauses, welche teilweise im Ausland wohnten, kamen einfach immer gern zu Besuch und brachten Gäste mit, die Enkel wurden ebenfalls größer. Es musste mehr Platz her. Der Innenhof wurde so auch zu allen Jahreszeiten rund um die Uhr bewohnbar.

Ich genoss es allein auf dem Dach eines der Zimmer auf dem Dach zu sitzen. Von dort hat man einen wunderbaren Überblick über die Stadt. Grüne Palmwedel ragen aus dem roten Häusermeer heraus und in der Ferne wächst stolz der schneebedeckte Atlas in den blauen Himmel. Es ist ruhig und man kann nachdenken.

Als ich an einem Nachmittag dort saß, dachte ich plötzlich: „Sieh dir alles noch einmal genau an. Es ist das letzte Mal, dass du hier sitzt.“

Ich war selbst ziemlich überrascht über diesen Gedanken, aber es sollte stimmen.

Wenigen Monate später trennte ich mich von meinem Freund. 

Obgleich ich mir hätten vorstellen können in Marokko zu leben, war ich mit mir noch nicht fertig genug. Da waren noch ein paar Dinge zu Lernen und zu Erleben. Zwischen meinem damaligen Freund und mir gab es ein paar Diskussionspunkte, die bedingt mit unserer beider Herkunft, aber überwiegend aus unserer Persönlichkeit her rührten und uns zum damaligen Zeitpunkt miteinander nicht weiter brachten. 

 

Das „neue“ Marrakech

Das „neue“ Marrakech besuchte ich vor einigen Jahren nochmal mit dem Mann. Es hat sich vieles verändert. Die Medina ist von reichen Europäern aufgekauft und wird renoviert und zu komfortablen und wunderschönen Touristenunterkünften umgebaut. Es ist ein bisschen schade, gleichzeitig hält es auch einen gewissen Verfall auf. Hier der Blick in ein altes Riad mitten in der Medina( 1999).

Es scheint mir einerseits Geld ins Land zu bringen, andererseits wird dieses auch wieder ungerecht verteilt. 

 


Der letzte Teil befasst das Thema Schlachten. Wer da zart besaitet ist, ließt einfach nicht weiter. Ich beschreibe nicht jedes Detail, aber vielleicht doch mehr, als manch einmal lieb ist. Nicht um jemanden zu ärgern, sondern weil mir selbst einiges bewusst wurde. Wer Fleisch isst, sollte auch wissen, was er da isst und wie es „hergestellt“ wurde, finde ich. Noch meine Großeltern wussten es und schlachteten selbst. Allerdings vor meinen Augen verborgen.

FLEISCH

Fleisch begegnet einem über all in Marokko. In der Medina in den kleinen Schlachtereien. Unterwegs in den kleinen Ortschaften an den langen einsamen Landstraßen.

Einmal halten wir auf dem Weg von Casablanca nach Marrakech, an einer Art Ansammlung von Imbisbuden. Die drei Brüder, mit denen ich unterwegs bin, haben Hunger. Ungeachtet dessen, dass ihre Mutter in Marrekech mit Essen auf sie wartet.

Wir steigen aus, die Sonne blendet enorm und ich frage mich: „Was zum Kuckuck sind das für riesen Steine, die da im Schatten liegen?“

Als sich meine Augen an die Lichtverhältnisse gewöhnt haben, muss ich vor Schreck kurz Innehalten. Es sind drei Rinderköpfe. Sie liegen da so rum. Wahrscheinlich als „Werbung“ und Hinweis, dass es aktuell frisches Fleisch von drei Rindern in dieser Schlachterei gibt.

Die drei Brüder lachen mich aus, als sie meine Irritation bemerken.

 

Ich war einige Male zur Zeit des Schlachtfestes in Marokko.

Einmal durfte ich den Hadj mit meinem Freund zum Viehmarkt begleiten.

Auf einem riesigen, am Stadtrand von Marrakech gelegenen Platz, waren hunderte von Schafen dicht gedrängt versammelt. Dazwischen überall Männer. Ich war, glaube ich, die einzige Frau dort und mit Sicherheit doppelt exotisch durch mein europäisches Aussehen. Ich blieb aber komplett unbehelligt,  war ich doch in Begleitung zweier Männer, von denen der eine ganz gut bekannt war. Überall verteilte er Handschläge und befühlte mit festem und gekonnten Griff die Schafe am Rücken. Er prüfte durch die dicke Wolle, ob „genug dran war“.

Bei einem Händler fand er dann das, was er suchte, schloss den Handel ab und ein anderer Mann schulterte das Schaf und trug es aus dem dichten Gedränge heraus zu einem kleinen Karren. Da hinein wurde das Schaf gestellt und hinter uns zu Fuß nach Hause gebracht.

Das Schaf wurde dann vom Hadj persönlich auf dem Rücken über eine Treppe auf das Flachdach des Hauses getragen. Dort hatte er einen geräumigen und schattigen Verschlag mit Heu und Wasser vorbereitet. Das Schaf konnte so noch ein paar ruhige Tage verbringen. Der Hadj verbrachte viel Zeit oben auf dem Dach bei dem Schaf und sprach mit ihm. Die beiden waren ganz vertraut.

Das, so hieß es, war weniger Stress für das Schaf, da es so am Schlachttag nicht auch sofort argwöhne und das Fleisch dadurch zarter wäre.

Am Schlachttag komme ich in den Innenhof des Hauses und sehe das Schaf, festgehalten vom Hadj, der nun, ganz ungewohnt,  eine sportliche Hose und ein kakifarbenes Shirt trägt. Griffbereit hat er ein scharfes Messer in einem Futteral an der Hose klemmen. 

Ich weiß nicht so genau, ob ich das sehen will. Aber ich stelle mich der Situation. Wer Fleisch aus der Tiefkühltheke isst, kann auch mal zusehen, wie geschlachtet wird.

Ehe das Schaf begreift wie ihm geschieht, schneidet der Hadj mit einem schnellen Schnitt die Kehle durch. Geräuschlos geht das Schaf zu Boden und dunkelrotes Blut läuft ihm aus der Kehle. Ein kurzes gurgelndes Geräusch ist zu hören. Sonst ist es still. Ein metallischer Geruch breitet sich aus. Ein Helfer und der Hadj halten das Schaf an den Beinen gut fest. Die Nervenzuckungen kommen schnell und heftig. Würde man das Schaf nicht festhalten, spritzte das Blut quer durch den Raum. So bleibt es begrenzt. Der Geruch, das viele Blut….mir wird blümerant. Hui. Ich muss kurz mal die Beine hochlegen und etwas trinken. Ich werde freundlich ausgelacht und mir wird auf die Schulter geklopft. Ich verlasse den Raum noch bevor das Schaf aufhört zu zucken.

Am nachmittag hängt ein sauber abgezogenen und ausgenommener Schaftorso im kühlen Innehof. Die Frauen reinigen die Därme und hängen sie anschließend zum Trockenen über eine Wäscheleine auf dem Dach.

In den nächsten Jahren schaue ich bewusst zu. Ich will alles sehen. Ich bin auf das Blut vorbereitet. Auf den Geruch, den Moment des Todes.

Das Schächten kommt mir sehr „human“ und „friedlich“ vor, wenn man das so sagen kann. (Ein kommerzieller Schlachthof ist weit grausamer.)

Ich bin fasziniert von der Farbe des Blutes und werde ein weiteres Jahr später zaghaft ein paar Tropfen auf Papier einsammeln.

Es geht schnell und ruhig und routiniert zu.

Wenn das Tier weitestgehend ausgeblutet und die Därme grob entleert sind, hängt man den Torso an einem Haken senkrecht an die Decke. Das Fell wird sorgfältig abgezogen. Auch das passiert nicht grob sondern sorgsam. Die Felle werden später gereinigt und zu Teppichen verarbeit.

Der Bauch wird aufgeschlitzt und die Innereien entfernt. Alles wird sofort gereinigt und zum Weiterverarbeiten vorbereitet.

Die Innereien werden gerne als Spieß gegrillt und mit einer speziellen Gewürzmischung serviert. Das Herz schmeckt mir ausgesprochen gut, obgleich ich immer noch irritiert bin, dass ich es essen kann.

Ich muss mich darauf besinnen, dass noch meine Großeltern, väterlicherseits selbst geschlachtet haben. Zwar ohne Schächten, aber ansonsten mit ähnlichem Vorgehen. Als Kind gab es Schwein und Stallhase aus eigener Schlachtung.

An einem Schlachtabend sitzen wir um einen wunderbar duftenden frisch servierten Couscous. Ich beginne mit Appetit zu essen. Einer der Brüder mit Englisch Kenntnissen bricht etwas von dem Fleischstück ab und beißt knuspernd hinein. „Oh, what an brilliant ear!“ lacht er. 

Mir fällt mein Löffel aus der Hand. Ich realisiere, was auf dem Couscous, von Gemüse garniert obenauf liegt. Ein anderer der Familie löffelt sich ein Auge aus der Höhle.

Es ist der erste und einzige Couscous, den ich nicht essen kann. Darauf war ich nicht vorbereitet. Dabei hatte ich gesehen, wie die Mama dem Schafskopf über einem kleinen Feuer das restliche Fell abgeflämmt hatte, um ihn dann weiter zu verarbeiten.

Diese bewusste Beobachtung brachte mich dazu eine klare Meinung zum Fleischkonsum in der westlichen Welt zu haben.

Viele essen unmengen Fleisch und viel mehr als nötig wäre. Es wird in die Kühlteke gegriffen und mit sauberem Gewissen verzehrt. Dabei zeigt man mit ausgestrecktem Finger auf die „Barbaren“, die ihr Fleisch selbst schlachten. Und Schächten geht ja gar nicht. Dabei vergisst man, wie barbarisch für den Massenkonsum Tiere in beengten Ställen gezüchtet und dann durch halb Europa transportiert werden. Verängstigt, zusammengepfercht, mit gebrochenen Gliedern in überhitzen Anhängern.

Die Schlachthäuser riechen nach Angst und Blut, die Tiere riechen, was ihnen blühen wird. Die Panik ist berechtigt und mit etwas Glück trifft sie der Bolzenschuss sofort an der richtigen Stelle. Alles was dann folgt, ist ein nahezu achtloses Auseinanderschneiden der besten Stücke. Fleischabfälle entstehen mehr als gut ist.

Und dann landet alles sauber arrangiert in der Kühltheke. Möglichst billig. Mit etwas „Glück“ wird es gekauft und sogar gegessen, statt sinnlos gequält und dann wegen Überfluss verdorben im Müll zu landen.

Eine Gesellschaft, die es hin nimmt, dass mit Tieren so umgegangen wird (nur nicht sichtbar für jedermann) und es hin nimmt, dass tausende Küken geschreddert werden, weil man sie nicht braucht, der darf meines Erachtens keineswegs mit ausgestrecktem Finger auf andere Kulturen zeigen, die für den Bedarf schlachten und auch noch alles vom Tier verbrauchen.

 

 

Es tut mir leid, dass ich am Ende mit der Moralkeule komme. Aber es ist meine Überzeugung seit ich mir gerade diesen Part besonders bewusst und mehrfach angesehen habe.

 

 


Habt ihr Fragen? Dann fragt gern. Als Kommentar oder mail. Ganz egal.

 

  9Comments

  1. Ariane   •  

    Boah, DANKE für diesen Einblick! Habe echt lange gebraucht um alles zu lesen! Aber es hat sich gelohnt!

    Liebe Grüße

    • Beatrice   •  

      Oh, gerne! 🙂 Ja, es ist ein sehr langer Beitrag. Ich wusste nicht, ob ich ihn auf mehrere Teile aufteilen sollte oder noch mehr kürzen. Oder noch mehr Geschichten rein packen sollte. Danke, fürs durchhalten beim Lesen. 🙂

      • Ariane   •  

        Für einen Husch zum Lesen war es etwas lang, aber so habe ich mich immer auf die nächste Gelegenheit gefreut zum Weiterlesen.
        Ich freue mich auf deinen nächsten Beitrag. Egal ob Kinder, Garten oder anderes.
        Da ich das Kommentieren eigentlich gar nicht mag, schreibe ich bei dir aber schon viel!
        Heute war ich mit meinen Größeren 2 beim Schwimmkurs…da musste ich auch an euch denken!

        Liebe Grüße,
        Ariane

  2. Rena   •  

    Ich habe auch alles mit großem Interesse über den Tag verteilt gelesen!

    • Beatrice   •  

      Das freut mich! 🙂 Danke.

  3. Inga   •  

    Wow!! Ich lese schon länger still schmunzelnd mit, aber dieses Mal möchte ich doch mal sagen, wie gern ich deinen Geschichten folge.
    Viele Grüße aus dem Münsterland.

    • Beatrice   •  

      Vielen Dank! Ich freue mich immer über Kommentare, vor allem von „stillen“ Lesern. 😀 Schön, dass es euch gibt!

  4. Heike   •  

    Hallo, ich bin deinen Schilderungen fasziniert gefolgt. Wir waren 2001 in Marokko und haben das Land als Turisten besucht. Es war für uns sehr sehr beeindruckend, auch wenn wir natürlich nur einen Bruchteil dessen gesehen und erlebt haben wie du. Ich bin sehr froh, dass wir dieses Land damals noch so völlig ohne Vorurteile und frei von all dem erleben durften, was dann nach 9/11 geschehen ist. Ich lese deine Geschichten sehr gern, erinnern Sie mich doch sehr an die Zeit als meine 3 so alt waren. Ich habe eine Tochter und zwei Söhne die jeweils 2 Jahre auseinander sind. Sie sind inzwischen 30/32/34 und sind selbst wundervolle liebevolle Eltern von bis jetzt 5 kleinen Menschlein. LG

    • Beatrice   •  

      Wie schön! 🙂 Ja, 2001 habt ihr tatsächlich noch „die alte Zeit“ in Marokko erlebt. Es ist ist wirklich mittlerweile vieles anders in den großen Städten.

      Wow, du hast schon drei erwachsene Kinder und dann auch in diesem knappen Abstand. Man bekommt sie also wirklich groß. 😀 Und erntet dann die Enkelschar. 😀

      Vielen Dank für deinen Kommentar!

      LG

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