Mutterliebe und Mama-Folter

Sie macht mich fertig.

Ich liebe sie, aber sie macht mich fertig. Dieses Kind bringt mich an meine Grenzen.
Ich wollte immer eine geduldige und liebevolle Mutter sein. Ruhig, verständnisvoll und konsequent. Ich hatte da so im Stillen meine Vorbilder und Ideale.
Ich würde mich in den meisten Situationen als konsequent einschätzen. Es gehen mir natürlich auch Dinge durch. Schon allein, weil es drei sehr kleine Kinder sind, konnte ich erzieherisch nicht immer so vorgehen, wie ich es richtig und wichtig gefunden hätte.
Dennoch gibt es eine klare Marschrichtung bei mir.
Aber das allein nützt nicht immer etwas. Vor allem beim Sirenchen beißt man da oft auf Granit. Manchmal habe ich sie auch nicht richtig „gesehen“, ihr Verhalten falsch gedeutet. Aber ich habe dann doch immer einen guten Weg für uns gefunden. Ich muss bei ihr manchmal genauer hinsehen, als bei den anderen.
Nun geraten wir in den letzten Tagen wieder mal vermehrt aneinander. Sie alleine ist dann schon eine Nummer für sich, die ziemlich viel Energie verbraucht. Aber da sind ja auch noch die anderen beiden, die auch fordern.
Neulich Abends war es dann soweit, dass ich einen netten und erwarteten Besucher tobend, zeternd und brüllend an der Haustüre in Empfang nahm. Ja, der Arme wurde quasi von einer Furie empfangen. Ich konnte nicht abschalten. Ich war laut zeternd aus dem Kinderzimmer gestürmt, die Treppe runter und sah unseren Gast schon vor der gläsernen Eingangstüre stehen.
UND ICH WAR WÜTEND WIE 100 FEUERSPEIENDE DRACHEN!!!! Ich bin keine Super-Frau die sich tiptop unter Kontrolle hat und von jetzt auf gleich die flötende Hauselfe ist, WENN SIE DERMAßEN AUF DIE PALME GEBRACHT WURDE!

Es war so, dass ich den ganzen Tag schon versuchte, es dem Sirenchen recht zu machen. Sie wollte, dass ich ihr beim Strumpfhoseanziehen helfe. Sonst darf ich das nicht. An diesem Morgen wollte sie es gerne. Sie trug es jedoch sehr nölig vor, so dass ich sie fast nicht verstand. Ich bat sie, in normaler Tonlage und deutlich zu mir zu sprechen. Sie riss sich zusammen, äußerte ihren Wunsch nochmal klar und deutlich. Ich half ihr dann. Gern sogar. Noch bevor ich fertig war, also noch bevor ich die letzten Falten der Strumpfhose an den Füßen zurecht zuppeln konnte, plärrte sie in ihrer unverkennbaren Manier los. Ich verstand erstens nicht warum und zweitens ohnehin kein Wort. Ich bat sie ruhig, normal zu sprechen und vor allem abzuwarten, bis ich fertig sei. Keine Chance. Die Sirene lief. Ich versuchte noch zu sagen, dass sie es dann eben selbst machen müsse und wandte mich einer anderen Aufgabe zu und kleidete mich zu Ende an. Das Sirenchen schrie und kreischte und riss sich die Strumpfhose wieder von den Beinen. Sie brüllte mich an: „Blööde Mama! Du hast das falsch gemacht!“
Ich konnte diesmal meine Meinung platzieren und sagte erneut: „Dann mach es halt selber, wenn du es besser kannst!“
Sie kreischte wieder los. Ich verließ den Ort des Geschehens. Das Kind kam hinter mir her und warf sich kreischend zu Boden. Irgendwann hörte der Lärm auf, das Kind kleidete sich alleine an und ging friedlich mit mir nach unten. Sie deckte mit mir zusammen den Frühstückstisch. Sie hilft neuerdings wirklich richtig gerne im Haushalt und ich versuche sie so oft es geht mit einzubeziehen. Sie hat vor ein paar Tagen sogar unser Bett mit mir zusammen neu bezogen. Das macht sogar Spaß zusammen.
Dann ging es aber beim Frühstück auch schon wieder weiter. Irgendwas war mit dem Brot und dem Aufstrich nicht richtig. Zu so etwas sage ich nur, dass sie halt dann Pech hätte und jemand anderes das Brot bestimmt gerne esse. Darauf reagiert sie meist mit Schmollgesicht und Schweigen und isst dann doch.
Den ganzen Tag über gab es dann immer wieder so Situationen. Sie bat mich, ich solle ihr bei etwas helfen. Dann half ich ihr und es war falsch. Dann schrie sie mich an mit „Blöööde Mama!“ und wälzte sich wieder kreischend auf dem Boden. Dann wollte sie dies, dann doch nicht, dann wieder ja, dann machte ich es falsch. Immer gab es nur Gekreische. Zusätzlich ließ sie sich nicht abhalten, immer wieder ihre Geschwister zu ärgern oder irgendeinen Mist zu machen. Schränke anmalen, Klopapier abrollen, zerfetzen und schneien lassen (das war ja noch lustig. Das kann ich aushalten), im Kinderzimmer wurde ein Regal umgekippt, Türen geknallt. Ich ging nachmittags mit den Kindern in den Garten, aber da war sie auch nicht zu motivieren etwas zu Spielen. Dabei hatte sie vorgeschlagen wir könnten ja im Garten im Sand spielen. Nach kurzer Zeit musste sie zur Toilette und weigerte sich danach Jacke und Mütze wieder anzuziehen.
Und als wir dann rein gingen schrie sie, weil der Gummistiefel irgendwas falsch machte beim Ausziehen. Ich war es dann wieder Schuld. Dabei war ich nicht mal in der Nähe gewesen.

Nun kenne ich diese ambivalenten Gefühle. Ich kann mich erinnern, dass ich das als Kind auch hatte. Einerseits liebte ich meine Mama und merkte auch, dass sie sich mühte es mir recht zu machen, gleichzeitig war  aber manchmal einfach alles falsch. Das tat mir dann leid, ärgerte mich wiederum gleichzeitig. Klingt wirr, und so fühlt es sich auch an. Also nehme ich das Verhalten vom Sirenchen nicht persönlich und ware Geduld so gut es geht. Dennoch….dann nölt der Sohn noch wegen was, das Knöpfchen heult auch rum…
Wir hatten dann irgendwann den Abend erreicht. Die Kinder waren müde und ich brachte sie zur gewohnten Zeit ins Bett. Es gab Gekreische im Bad, es gab Gekreische im Kinderzimmer. Ich hatte gesagt, ich würde zwei Geschichten lesen, wenn es gut klappt. Ich musste schon auf eine Geschichte kürzen. Das Sirenchen wollte weder ihren Schlafanzug anziehen, noch sich ins Bett legen. Ich drohte damit, sie ins Schlafzimmer nebenan zu setzen. Dort müsse sie dann warten, bis ich zu ende gelesen hätte. Sie tat dann zwar wie ihr geheißen, aber heulte doch weiter, so dass die anderen Kinder die Geschichte nicht verstanden. Ich brachte sie sodann, wie angekündigt ins Schlafzimmer und sagte, ich käme sie dort holen. Sie solle sich mal beruhigen und ich könne das dann auch. Danach sei es wieder gut. Aber das Sirenchen blieb nicht im Schlafzimmer und kam mir kreischend hinterher.

So, liebe Supernanny, wo sind sie denn, wenn man sie braucht? Die „Stille Treppe“ funktioniert bei uns nicht. Und zwar nie. Was jetzt?
Ich brachte das schreiende Kind zurück ins gemütliche Schlafzimmer mit „Ambientelight“, also kein Ort zum Fürchten und drohte lauthals ich würde die Türe schließen, wenn sie dort nicht für einen Moment sitzen bliebe. Ich stürmte hinaus und kuschelte noch kurz, zugegebener Maßen etwas erhitzt, mit den zwei anderen Kindern und wünschte eine gute Nacht. Ich hab nun mal drei und bringe sie alleine ins Bett. Wieso sollen zwei immer Leiden, wenn eines eine Extrawurst brät? Was soll ich tun? Als ich das Kinderzimmer verlassen wollte, um das Sirenchen im Schlafzimmer direkt nebenan mit offener Tür !zu holen, kreischte es hinter mir schon los. Sie hatte sich schon unbemerkt in ihr Bett geschlichen und dachte nun, sie bekäme keinen Gute-Nacht-Kuss. Den wollte sie aber. Ich wollte das auch. Also sagte ich, dass sie eigentlich ja hätte im Schlafzimmer warten sollen und…weiter kam ich nicht, sie überkreischte was ich sagen wollte. Ich wartete eine Atempause ab und wollte sagen, dass ich jetzt mit ihr kuscheln käme, aber sie solle aufhören zu schr……sie schrie und schrie und schrie und als ich ihr zu nahe kam, schubste sie mich weg und schrie und damit platze mir der Kragen und ich verließ den Raum UND BRÜLLTE MEINE WUT LAUT HERAUS UND POLTERTE DABEI DIE TREPPE RUNTER UND EMPFING GENAU SO UNSEREN GAST!
UND ICH BRÜLLTE AUCH NOCH IN DER KÜCHE! Natürlich brüllte ich nicht die Männer an. Also schon, aber nicht weil ich mich über sie ärgerte natürlich. Aber ich kam einfach nicht runter. Ich WAR STINK SAUUUUEEEEER!!! Und dann erschöpft.

Verrückt ist, dass ich später, als ich nochmal nachsah, vor Liebe überlief. Schlafende Kinder sind einfach super süß! Auch und vor allem das Sirenchen.

  2Comments

  1. Avatar Anke   •  

    Sirenchen ist schon der passende Spitzname, oder? 😉 Ich bewundere Deine Geduld; mir wäre viel eher die Hutschnur geplatzt! Und falls es Dich beruhigt: Die „Stille Treppe“ funktioniert bei uns auch nicht. Wenn eines der Kinder auf Krawall gebürstet ist (aus welchen Gründen auch immer), dann rennt es kreischend hinterher. Funktioniert das überhaupt bei irgendwem? Ich habe ja die Vermutung, daß das im Fernsehen immer nur gespielt ist. 😉

    LG,
    Anke

    • Avatar Beatrice   •  

      Das Sirenchen, ja den Spitznamen habe ich nicht grundlos vergeben. 😀 Die ist irre!
      Mir bleibt ja auch nix anderes übrig als geduldig zu sein. Es fällt schwer, aber man stumpft ja auch ab. Vielleicht zeigt das konsequente Grenzen setzen irgendwann mal Erfolgsergebnisse. Bis dahin sollte ich mal über Gehörschutz nachdenken. 😀
      Ich bin beruhigt, dass bei dir die „Stille Treppe“ auch nicht funktioniert. LG

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