Nahrungsüberfluss und mangelndes Bewusstsein

Als Warnung: Empfindsame Personen sollten diesen Artikel nicht lesen und sich die Zeichnungen am Ende nicht genauer ansehen. Ich möchte niemandem ohne Vorwarnung den Appetit verderben.

 

In den letzten Tagen denke ich viel über Lebensmittel, Ernährung und den Genuss nach. Und über die Wertschätzung der Lebensmittel.

Ich selbst ertappe mich bei widersprüchlichen Gedanken und Handlungen.
Nehmen wir die Sache mit den Eiern von den Nachbarshühnern. Mir sind die frisch gelegten Eier der Nachbarn so wertvoll. Was sie einerseits auch sind. Denn sie kommen von glücklichen Hühnern die Nachts im Rododendronbusch schlafen, statt in einem Stall auf der Stange. Diese Hühner laufen das ganze Jahr frei in einem riiiesen Garten herum. Definitiv waren/sind das gesunde und sehr wohlschmeckende Eier. Aber sind diese Eier wertvoller als die Eier einer kommerziellen Legehenne?
Die Qualität ist besser. Ohne Frage! Aber sind die Eier der kommerziellen Legehenne nicht sogar wertvoller, weil ein Lebewesen ein furchtbares Dasein fristet, um unseren Konsum zu befriedigen? Wie oft schmeißt man weg, weil es vermeintlich minderwertig ist?

Wir diskutieren heute über DIE richtige Ernährung und schwimmen auf einer perversen Luxuswiderspruchswelle. Vegan ist das neue vegetarisch. Immer wieder werden gruselige Bilder von Schlachtvieh und Legehennen gezeigt. Als Gegensatz dazu wird der Genuss gefeiert und immer wieder neue Kochshows werden inszeniert. Kultiviert ist scheinbar nur der, der perfekte Malzeiten zu kreieren weiß.

Es geht nicht mehr darum einfach nur satt zu werden und sich mit den benötigten Vitaminen halbwegs gut zu versorgen. Die Gesellschaft ist verwöhnt und jongliert mit dem Überangebot.

Mir wird regelmäßig schlecht, wenn ich darüber nachdenke wie viel weggeschmissen wird. Und zwar egal ob Gemüse oder Fleisch oder andere tierische Produkte.
Obwohl wir als Familie möglichst bewusste Mengen einkaufen, werfen wir doch immer mal was weg. Dann ist eine Zucchini mal matschig oder eine Mandarine schimmelig geworden. Das tut mir dann immer leid.
Gleichzeitig sehe ich aber auch, dass es im Alltag oft schwierig ist, den Wert des einzelnen Lebensmittels an die Kinder zu vermitteln. Wie oft vergisst man selbst, dass ein Planzensamen keimen und wachsen muss, bis sich daran unter einem gewissen Pflegeaufwand essbare Früchte bilden. Genauso verhält es sich mit Tieren, deren Fleisch, Eier oder Milch wir zu uns nehmen.

Ich sag es gleich, ich bin kein Veganer und kein Vegetarier. Ich liebe Eier und Milch. Ich mag Fleisch. Letzteres brauche ich jedoch selten, deshalb geht das für mich super gut weniger und dafür gutes Fleisch zu kaufen. Für mich persönlich reichen alle paar Wochen mal eine Bratwurst oder ein Stückchen Geflügel vom Biometzger. Gern auch mal ein Stückchen Lamm. Ansonsten komme ich mit Gemüse und „Körnern“ allein sehr gut zurecht.

Darüber ob ich Fleisch mit gutem Gewissen essen kann oder nicht, dachte ich öfter nach. Mit Anfang 20 verbrachte ich ziemlich regelmäßig einige Zeit in Marrakech. Oft auch zum Schlachtfest. Ich habe eine Art „Schocktherapie“ gemacht. Während ich wusste, dass meine Oma ganz früher noch selbst geschlachtet hatte, hatte ich selbst aber, wie die meisten heute, keinen Kontakt zum Schlachten. Man greift in die Tiefkühltheke oder geht zum Metzger und nimmt sein Stück Fleisch ohne genauer darüber nachzudenken. In Marokko aber begegnete mir überall Fleisch. Halbe Tiere hängen in den kleinen Gassen an dicken Haken von der Decke. Ich sah Köpfe von Kühen wie dicke Findlinge nebeneinander aufgereiht auf der Straße liegen.
Mein erstes Schlachtfest saß ich im Atrium meiner Gastfamilie wie hypnotisiert und sah dem Schächten und kompletten Verarbeiten des Hammels zu. Ich muss zugeben: Mir war schlecht und den gegrillten Schädel mit Couscous mochte ich auch nicht essen. Soviel Blut hatte ich noch nie gesehen und gerochen. Dabei war der ganze Vorgang erstaunlich friedlich und sehr schnell von statten gegangen. Ich hatte nicht den Eindruck, dass das Tier lange gelitten hatte.
Wir hatten den jungen Hammel zwei Tage zuvor auf dem Markt gekauft und er hatte in einem kleinen Verschlag auf frischem Stroh im Schatten gestanden und war mit Futter und Wasser versorgt worden. Ja er wurde sogar vom Hausherrn gekrault und nett unterhalten. Das Tier sah tatsächlich erst beunruhigt aus, als man es in das Atrium des Hauses trug und auf die Seite warf. Und ehe es begriff, wurde mit einer schnellen Bewegung die Kehle durchgeschnitten.
Bei aller Grausamkeit, die man darin finden mag: Es war bei weitem nichts im Vergleich allein zu den Bildern, die man von tagelangen Tiertransporten und kommerziellen Schlachthäusern kennt.

Ich erlebte einige weitere Schlachtfeste und sah beim Schlachten immer zu. Das GANZE Tier wurde verwertet.
Das Fleisch schmeckte mir, ich konnte das „Blutbad“ aushalten.

Nach einem Besuch auf dem Land bei Verwandten der Familie bekam ich auf der Rückfahrt ein Huhn auf den Schoß gesetzt. Zwei Stunden saß es da bei mir. Ich spürte den Herzschlag. Es kuschelte sich ein. Ich mochte das Huhn. Am nächsten Tag lag es wunderbar zubereitet vor mir im Tajine.
Nach kurzen Zögern hab ich probiert. Und es schmeckte unglaublich gut.

Für mich war danach klar: Es ist ok, wenn ich Fleisch esse, denn ich kann es aushalten zu sehen wie es getötet wird.

Noch die Generation meiner Großeltern kannten das. Da wussten schon die Kinder welches Huhn, Kaninchen oder Schwein da gebraten auf dem Teller lag. Sie wussten auch, wie geschlachtet wird.
Wir sind heute so denaturiert. Ein ehemaliger Schulfreund von mir verurteilte damals meine „positive“ Einstellung zum Schlachten in Marokko. Es sei barbarisch. Aber ich finde es schlimmer, wenn man stattdessen die Augen verschließt und achtlos in die Tiefkühltheke greift und noch dazu ein Stück hochgezüchtetes Fleisch industriell verarbeitet isst.
Ich finde jeder Fleischliebhaber sollte sich einen Schlachtvorgang mal genau ansehen und danach entscheiden ob es noch schmeckt. Auch muss man sich die Frage stellen, ob man die Tiere selbst töten könnte.

Als der Sohn im November eine Herde Gänse bestaunte sagte ich ihm, dass diese Gänse in kürze alle im Kochtopf enden. Ich möchte, dass meine Kinder wissen woher das Fleisch kommt. Das ist nicht brutal. Das ist die Realität. Wer regelmäßig Fleisch isst, sollte das wissen. Der Sohn hat damals im November kurz inne gehalten und gemeint, dass er dann kein Fleisch mehr essen wolle. Ich fand das ok. Ich fand aber auch ok, als er zwei Tage später nach Bratwurst verlangte. Ich muss ihm nicht täglich sagen, dass sein Salamibrot unter anderem aus totem Tier besteht. Aber wenn wir Schlachtvieh sehen, werde ich es auch nicht schön reden.

Es soll jeder essen was ihm gut tut. Aber man sollte sich wenigstens hin und wieder bewusst machen was man da isst.

(Achtung Zeichnungen)

Ich habe es dann irgendwann auch zeichnen müssen.  Egal wo und wie ein Tier verarbeitet wird, brutal ist es immer.

 

 

Schlachtfest Detail

Detailansicht: Die Hinterläufe werden nach dem Töten gebrochen, damit man das Tier an den Beinen besser aufhängen kann zum Ausnehmen.

Schlachtfest 1

 

 

 

Hammelkopf

Hammelkopf nach der Schlachtung

  8Comments

  1. Anna   •  

    Ein interessanter Gedanke, ob man das Aushalten kann, einer Schlachtung beizuwohnen. Man kann bestimmt einiges aushalten, schwer wäre es für mich allemal und ich könnte mit sehr großer Wahrscheinlichkeit nicht hinsehen. Allerdings bin ich ganz deiner Meinung, das Schächtung humaner ist, als alles andere was in den Schlachthäusern vor sich geht. Ich habe mal gelesen, dass durch das Schächten, die Blutzufuhr zum Gehirn gekappt wird, und da dort unser Schmerzzentrum sitzt, würde das Tier nicht so leiden. Allerdings ist kein Tod schön. Ich nenne die Schlachthäuser ja Ausschwitz für Tiere, denn es ist im Grunde nichts anderes. Das Supermarktfleisch ist grauenvoll, aber ich empfinde es ebenfalls schwierig zu unterscheiden, welches Fleisch wirklich ethisch unbedenklich ist. Denn Bio bedeutet im Grunde nur, dass es frei von Steroiden und Antibiotika ist und dass das Tier mehr Weideplatz hat(te). Das sagt nichts über die Schlachtung selbst aus. Auch diese sogneannten Bio-Tiere werden ganz konventionell im Schlachthaus getötet. Ethisch zu leben ist sehr schwierg, dieses Thema beschäftigt mich schon sehr lange Zeit. Auch ich versuche meinen Fleischkonsum einzuschränken und achte auf Bio, aber wie gesagt, es bleibt ein fahler Beigeschmack, weil man es eben doch nicht genau weiß. Es ist einfach nur sehr traurig, dass es so weit gekommen ist. Auch bei der Kleidung versuche ich darauf zu achten, dass sie fair produziert wurde, doch auch hier bleibt es schwierig. Ganz halte ich mich nicht daran, mal davon abgesehen, dass es bei Kindersachen wahrscheinlich hoffnungslos ist. Einfach eine traurige Entwicklung insgesamt. Ich stimme dir vollkommen zu, dass es sehr wichtig ist, dafür zu sensibilisieren. Unsere Kinder sollten wirklich wissen, woher das Fleisch kommt, ein sehr guter Ansatz. So möchte ich es auch halten, wenn unsere Kleine größer ist. 🙂

    • Beatrice   •  

      Du hast Recht. Natürlich werden „Bio-Tiere“ genauso konventionell geschlachtet. Ich hoffe nur, dass sie wenigstens ein bisschen netter gelebt haben vorher. Man könnte schon Verzweifeln, wenn man über all das nachdenkt. Eigentlich kann man nur entkommen, indem man aussteigt und als Selbstversorger auf´s Land zieht. Aber das bringt ja für´s große und ganze auch nichts.
      Es ist in der heutigen Zeit wirklich schwer so zu leben, dass man kein schlechtes Gewissen haben muss. Ich denke aber auch, wenn jeder nur ein bisschen und konsequent mitmachen würde, könnte sich schon eine Menge verändern.
      Also lass und Vorbild sein so gut es geht. 🙂

  2. Anna   •  

    Oh, ja da hast du recht! Wir können nur versuchen, so gut es geht ein Vorbild für unsere Kinder zu sein. Übrigens gibt es ja das Projekt „Fleisch mit Gesicht“ eines Biobauern. Er hält die Tiere alle artgerecht und wenn sie geschlachtet werden, kommt auf das Etikett ein Foto und ein paar Infos über den Lebenslauf des Tieres. Es hagelte ja unglaublich Kritik in den Medien und von der vegetarischen Fraktion, aber ich finde es eigentlich nicht verkehrt, denn so achtet man auch das Lebewesen, das uns nährt und wie du sagtest, wenn man Fleisch isst, sollte man es aushalten können, es zu schlachten bzw. einer Schlachtung beizuwohnen.
    Interessantes Thema, könnte ich Stunden mit füllen, weil es mir sehr nah geht.

    • Beatrice   •  

      Das „Fleisch mit Gesicht“ kenne ich garnicht. Muss ich gleich mal nach schauen. Ist schon krass, dass das kritisiert wird. Denn der Bauer, der die Tiere groß zieht kennt sie nun mal auch. Und als ich klein war hatte mein Onkel noch 2 Schweine, Hühner und Kaninchen. Da gaben auch immer mal einen von zu essen. Und die Tiere hatten es sehr gut bei ihm. Also wenn man schon Fleisch isst, dann finde ich darf es nicht beim „sterilen“ ICH-greif-in-die-Kühltheke-und-denk-garnicht-an-das-Tier bleiben. Und das Tier zu kennen hat ja nichts mit Herzlosigkeit zu tun. Dem Schlachten zuzusehen war für mich auch nicht leicht. Wie gesagt, beim ersten Mal war mir wirklich schlecht. Das ist schon krass. Aber da sind es mal 2 Tiere, die es vorher gut hatten gewesen.
      Ein richtiges kommerzielles Schlachthaus ist viel grausamer. Ich finde viel krasser, dass Menschen in einem großen Schlachthaus arbeiten. DA bekäme ich mal ein psychisches Problem. Dieser Überfluss. Diese Masse. Das ist das eigentlich perverse daran. Nicht, dass man mal ein Stück Fleisch isst. Und es gibt Gegenden zum Beispiel im Himalaya, da gibt es nicht viel. Da gibt es Yak. Alles vom Yak wird gebraucht zum Überleben. Die müssen Fleisch essen. Es ist die Wohlstandsgesellschaft, die es übertreibt. Wenn es alle so machten wie die Indianer, nur das von der Natur nehmen, was man auch wirklich braucht, dann hätten wir diese abartigen Auswüchse garnicht.

  3. beatrice   •  

    Essen ist ein weites Feld! Es spaltet die Gemüter. Ich persönlich kenne nur finanziell gut gestellte Veganer und Vegetarier, die mich regelmäßig belehren. Mir gefällt der Hype nicht. Leipzig ist ziemlich nervig mit vegan leben. Ich will lieber meinen Teil dazu beitragen, indem ich das echte Bäckerhandwerk unterstütze und den Fleischer meines Vertrauens aufsuche. Ebenso lasse ich mich von einem Landgut aus dem Umland beliefern. Ich kaufe keine Billigmilch und überhaupt so wenig wie möglich im Supermarkt oder Discounter. Damit fühl ich mich ganz gut und viel mehr geht in der Stadt hier sowieso nicht.
    Ich finde es nur blöd, dass Leute, die genug Geld in der Tasche haben, nicht mal ihr Brot bei nem guten Bäcker mit Backstube kaufen, sonder abgepacktes oder das von den Ketten. Jene sagen auch immer zu mir, wie gut doch mein Brot schmeckt. Aber 2,90€ will keiner dafür ausgeben! Das fass ich einfach nicht.
    ja,Essen ist ein ellenlanges Thema.

    • Beatrice   •  

      Das stimmt. Essen ist ein schwieriges Thema und es gibt tatsächlich Hypes. Aber wozu? Wenn es jeder machen würde wie du, wäre doch schon ganz viel gewonnen. Das mit dem Brot kenne ich auch. Das verstehe ich auch nicht. Abgepacktes Brot gibt es bei uns auch manchmal. Allerdings dann nur, wenn der Bäcker schon zu hatte und es sich auch nicht anders organisieren ließ. Ich vermisse aber ohnehin in unserer näheren Umgebung einen Bäcker der keine riesen Kette ist. Ist gar nicht so einfach seine Vorstellungen von nachhaltig, lokal und bio umzusetzen. Zumal wenn man seine Einkäufe gerne mit dem Fahrrad erledigen möchte und nicht immer das Auto nehmen will.

  4. Anke   •  

    Ich habe vor einiger Zeit mal einen Artikel gefunden mit einer interaktiven Karte von Bäckern, die noch selber backen. Vielleicht hast Du ja Glück und es ist einer bei euch in der Nähe. 🙂

    http://www.zeit.de/zeit-magazin/essen-trinken/2014-11/baeckerei-brot-backen-handwerk-deutschland-karte

    Zum Thema Fleisch: Ich habe jetzt mal für ein Essen Biofleisch gekauft. Wow. Ich habe mal gleich die Hälfte gekauft, als im Rezept drin stand (hat auch gereicht) und „nur“ Kalb und kein ausgewachsenes Rind. Dennoch können wir uns solches Fleisch vermutlich höchstens zweimal im Monat leisten. Ich finde das sehr schade. Abgesehen davon habe ich dann auch noch gelesen, daß „Bio“ meist nur bedeutet, daß die Tiere „biologisch korrekt“ ernährt werden. So manche Kuh in konventioneller Haltung darf sich mehr bewegen als Bio-Kühe. Und die Hühner, die raus dürfen, tun es oft nicht, weil es auf dem Außengelände keine Deckung gibt (wäre ja schwieriger, sie dann wieder in den Stall zu kriegen). Abgesehen davon, daß sich in zu großen Gruppen keine Hackordnung etablieren kann und die Tiere dadurch gestreßt sind. Wenn man wirklich nur Fleisch von Tieren, die ein gutes Leben hatten, essen will, muß mn sich wohl wirklich einen Bauernhof suchen, wo jedes Tier einen Namen hat. Und wo man z. B. die Gans für Sankt Martin ein halbes Jahr vorher bestellen muß, weil kein Überfluß produziert wird. Und wie viele solcher Höfe gibt es? Am besten noch in der Nähe, denn lange Transportwege sind ja auch schlecht… 🙁

    Ja, echt ein langes und schwieriges Thema.

    • Beatrice   •  

      Danke für den link. Guck ich gleich mal nach!
      Das Essenthema ist echt schwierig. Biogemüse ist in Plastik gewickelt oder kommt von weit her. Und das mit der Tierhaltung…das ist echt eine Misere.

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