Eine Mutter, drei Gesichter

Die Sorte „Unerzogen“

Eine Horde Kinder, darunter meine drei, erklommen auf einem Spielplatz übermütig die Rutsche und ließen als Beschleunigungshilfe händeweise Sand herunter rieseln.

Alle hatten Spaß. Es staubte zwar enorm und sauber war danach niemand mehr. Aber was soll’s? Der Spaß steht doch an erster Stelle. 

Schließlich trat eine Oma auf den Plan, die ihre Enkel maßregelte.

„Hört auf den Sand die Rutsche runter zu werfen. Was soll das denn? Das ist doch eine Rutschbahn! Der Sand gehört da nicht drauf!“

Die Enkel hielten inne. Meine drei Kinder rieselten aber weiter lachend den Sand die Rutsche runter.

„Wer macht denn das die ganze Zeit mit dem Sand? Was soll das?“ Ihr gestrenger Blick ging zu mir rüber. 

Ich finde allerdings, dass die Kinder auf dem Spielplatz alles dürfen, solange sie niemanden in Gefahr bringen oder jemanden ernsthaft stören. Hätte sich eines der Kinder über den Sand beklagt, hätte ich auch um Achtsamkeit gebeten. Aber es waren alle Kinder beteiligt und einverstanden. Das Leben ist schon reglementiert genug. Warum sollte das Spiel unterbunden werden?

Die Oma hielt sich dran und motzte mit ihren Enkeln weiter und fragte nochmal in meine Richtung, wessen Kinder denn immer den Sand die Rutsche runter werfen. Gerade als ich etwas entgegnen wollte, kam das Knöpfchen auf den Plan und beklagte sich lauthals heulend bei mir, das Sirenchen hätte irgendwas gemacht. Es war so nichtig, dass ich es schon vergessen habe. Noch während ich versuchte zu vermitteln, schubste und knuffte mich das Knöpfchen frustriert und nannte mich, ACHTUNG: „Blöde-Scheiß-Kuh-Mama!“

Oi. 😳

Die Oma blickte mich missbilligend an. Ich glaube jeder kann sich denken, was sie dachte. 😀

Und bevor ich sagen konnte, dass ich diese Ansprache nicht möchte, war das Knöpfchen schon davon gerannt, um sich wieder lachend ins Getümmel zu stürzen. Ihr unflätiger Ausbruch war ohnehin nicht persönlich zu nehmen. Sie hatte einfach ihren Frust mit ihrer Schwester bei mir abgeladen. Das Sirenchen demonstriert nämlich gerade gerne mal ihre Überlegenheit und da kommt das Knöpfchen nicht gegen an. Es lohnte sich nicht, ihr nach zu stellen, um die Sache zu „klären“. Die Kinder waren schon wieder vergnügt ins Spiel eingetaucht. Ich blieb entspannt sitzen.

Die Oma zog mit ihren Enkeln verärgert von Dannen.

 

Die Sorte „autoritär“ und „unempathisch“

Etwas später konnten dann andere Eltern auch einen gewissen Eindruck erlangen. 

Was die Außenstehenden mitbekamen:

Eine genervte Mutter spricht ungehalten und recht laut zu ihrem 7jährigen Sohn folgende Sätze:

„Mensch, das kann doch nicht wahr sein! -Du musst auch gucken! – Konzentrier dich! -Hörst du mich? -Hallo? -Guck mich an? -Hast du mich verstanden? -Oder hörst du wieder schlecht? -Gibt mir ein Zeichen, ob du mich verstanden hast? -Sprichst du meine Sprache? -Hallooooo? -Jetzt reagier doch bitte mal, damit ich weiß, ob du mich verstanden hast!“

Als Außenstehender hätte ich vermutet, das Kind sei eingeschüchtert und die Mutter eine furchtbare Mutter und zu Hause noch schlimmer, als in der Öffentlichkeit. Und weil das arme Kind so eingeschüchtert ist, reagiert es auch gar nicht mehr.

Die Geschichte dahinter ging allerdings so:

Der Sohn ist immer noch erkältet und die Ohren sind teilweise immer mal wieder verstopft. Er hört dann akustisch schlecht. Das ist mal besser und mal schlechter und somit weiß ich nie, wann er akustisch normal hört oder eben nicht. Und wann er einfach auf Durchzug stellt.

Der Sohn tollte ausgelassen über den Spielplatz, aber irgendwann wurde er nölig und maulte mich voll.

„Mama, ich will nach Hause!“

„Warum?“

keine Reaktion.

„Warum?“

„Ich will nach Hause.“

„Warum?“

keine Reaktion

„Hörst du mich?“

keine Reaktion.

„Guck mich mal an!“ (ich winkte vor seinem Gesicht.)

„Warum willst du nach Hause?“

Schulterzucken.

(Ich vermutete stark, dass er zu Hause fragen würde: „Können wir was gucken?“ Was ich bei dem tollen Wetter auf jeden Fall verneinen würde und mehrfach bekräftigen müsste.)

„Wir bleiben noch eine viertel Stunde!“

Keine Reaktion, dann lief er davon und spielte doch wieder mit einem gleichaltrigen Jungen und seinen Schwestern.

Dann kam er wieder mit dem gleichen Gemaule und nicht Geantworte. Er wirkte etwas müde. Er wollte etwas essen.

„Hier ist noch Knäckebrot in der Tasche.“

Und ohne mehr zu sagen oder gar zu zeigen, dass er mich gehört hatte, griff er nach einer sekundenlangen Pause in meine Tasche und suchte darin rum.

„Hast du was zu Essen dabei?“

„Jaaa-ha. Knäckebrot!“

Er verschwand dann knuspernd wieder auf dem Klettergerüst.

Bald darauf kam er und meinte, er müsse mal zur Toilette.

Da der Sohn ein verträumter Professor ist, wollte ich ihm einen Tipp geben.

„Dann lauf da drüben schnell ins Gebüsch. Zieh dir aber Schuhe an.“

„Was?“

„Zieh dir bitte Schuhe an.“

„Nein. Ich geh barfuß.“

„Pass bitte auf, wo du hintrittst.“

Keine Reaktion.

„Hast du gehört, was ich gesagt habe?“

„Nein.“

„Pass auf, wo du hintrittst. Hast du mich verstanden?“

„Was?“

„Guck mich mal an.“ winkt „Du musst aufpassen, wo du hin-trittst!“

„Ja.“

Es gab noch weitere solch zäher Dialoge bis ich die Kinder zusammen trommelte.

Ich wollte zeitig nach Hause fahren.

Wieder musste ich mehrfach Dinge wiederholen und winkte wieder vor des Sohnes Gesicht: „Hörst du mich? Verstehest du mich, oder ist das Ohr wieder zu?“

„Ich höre dich nicht sooo gut. Aber ich verstehe dich!“

„Dann zeig mir das doch bitte auch! Ich habe das Gefühl ich rede mit ner Wand!“ mecker mecker mecker 

(Der Mann, mein Vater und das Sirenchen können dieses Schweigen und Nichtreagieren übrigens auch. Es scheint vererbt zu sein. Ich hingegen bin ein Freund von erkennbarer Kommunikation. Und wenn es nur ein Blinzeln ist. Aber dieses ständige Wiederholen müssen und dann noch ohne erkennbare Reaktion macht mich irre. Und dann reagiere ich irgendwann einfach etwas genervt.)

Die unfreundliche laute Mutter und ihre Kinder räumten also das Feld und ließen die Zuschauer bzw Zuhörer mit ihren Gedanken dazu alleine.

 

 

Die glückliche Familie

Was wiederum andere Leute am gleichen Tag auch beobachten konnten, waren quietsch vergnügte, singenden und plappernde Kinder im Lastenrad, gefahren von einer lachenden Mama.

 

 

 

Tja, und da haben wir wieder ein Beispiel dafür, dass man immer nur Ausschnitte aus einem Großen und Ganzen sieht. 

In den letzten Jahren bewerte ich viele Situation, die ich beobachte, viel milder. Denn: Ich laufe nicht in den Schuhen der anderen.

 


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Ich freue mich. 🙂

  3Comments

  1. Shania (Ehemals Nicole von LiNiChri)   •  

    Grins, jetzt muss ich mich outen…diese Oma hätte auch ich sein können. Ich mag das mit dem Sand auf der Rutsche nämlich auch nicht. Empfinde es genau wie die Oma, der gehört da nicht hin. Für mich gibt es klare Regeln auch auf einem Spielplatz.
    Das mit den Ohren hatten wir auch die ganze Zeit – Paukenerguss auf beiden Ohren. Blöderweise bestehen die Probleme immer noch. Sie hört zwar wieder, kann aber nicht schaukeln usw. Da wird ihr sofort schlecht.

  2. Oma Wetterwachs   •  

    Sand zur Rutschbeschleunigung nutzen wir auch 😉

    Ich handhabe es so:
    Wenn ich auf Die Frage „Warum nicht?“ nur mit einem „Weil es sich so gehört.“ antworten kann, dann sind meine Argumente zu schwach.

    „Blöde-Scheiß-Kuh-Mama!“ würde ich mich allerdings nicht nennen lassen. Egal in welcher Situation. Ich beleidige die Kinder nicht und im Gegenzug möchte ich auch nicht beleidigt werden.

    Aber jeder hat halt seine eigenen Methoden. Hätte ich euch auf dem Spielplatz dabei beobachtet, wäre es mir sicherlich egal gewesen.

    Die Geschichte mit dem Hören kenne ich auch nur zu gut. Aber bei uns hat niemand Ohrenprobleme. Die Kinder fragen mich was und die Antwort hören sie schon nicht mehr, weil sie gedanklich wieder bei etwas anderem sind. Dann fragen sie die gleiche Sache immer wieder, aber nie kommt meine Antwort bei ihnen an. Das ist teils ganz schön mühselig.

    • Beatrice   •  

      😀 Ja, über den unflätigen Gemütsausbruch der 4 Jährigen kann man sicherlich streiten. 😀 Nicht selten drängt sich der Eindruck auf, mein verstorbener Opa hätte sich in dem Kind reinkarniert. Der war ein unglaublich toller Opa, allerdings auch mit wilden Anwandlungen, die man im Köpfchen wieder entdeckt.

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