Zwischenfall im 8. Schwangerschaftsmonat

Ein Krankenhaus-Krimi

Als ich mit dem ersten Kind im 8. Monat schwanger war, trug sich Folgendes zu.
Meine Eltern und die Schwiegereltern kannten sich zwar schon länger, siezten sich aber noch ganz altmodisch. Das sollte sich ändern und zu diesem Zwecke waren sie an einem Sonntag zum Mittagessen geladen. Während der Mann ein feines Essen kochte, auf das ich mich schon sehr freute, ruhte ich ein Weilchen. Als ich mich wieder erheben wollte, machte ich eine ungeschickte Bewegung und merkte, dass sich da leider im Rücken etwas blöd verzurrt hatte.
Ich ignorierte dies im Glauben, es würde sich allein wieder finden.
Die Eltern und Schwiegereltern trafen ein, man nahm Platz. Die Vorspeise wurde aufgetragen. Ich mochte irgendwie so garnichts essen. Mein Rücken tat weh und ich hatten den dringenden Wunsch, dass da mal was von außen zurecht massiert würde. Es half nicht. Den Hauptgang ließ ich, entgegen meiner sonstigen Gewohnheit, komplett aus und verzog mich einen Moment ins Schlafzimmer. Mit gerundetem Leib, kann man leider so gar keine Gymnastik machen, die einem sonst helfen könnte.
Die Familie beschloss mir ein warmes Bad einzulassen. Nachdem man mich zu Wasser gelassen hatte, wurde ohne mich weiter gespeist. Mir wurde es in der Wanne aber glatt blümerant und ich fummelte mich da schwerfällig wieder heraus. Ich pfiff auf Etikette und zog mir einen wilden Mix aus Nac20151115_153027hthemd und wärmenden Überkleid an.

Ich fand im Schlafzimmer ans
Bett gelehnt auf dem Boden eine Position, die ich halbwegs erträglich fand. So kannte ich mich gar nicht. Die zukünftigen Großeltern irritierte das alles seltsamer Weise aber gar nicht. Was vielleicht auch daran lag, dass sich um die Schwangerschaft keiner sorgte. Saßen da doch zwei erfahrene 3fach Mütter am Tisch. Ich sorgte mich im übrigen auch nicht um das Ungeborene. Die Funkverbindung stand auf positiv.
Nun wurde mein Mann etwas unruhig, da er mich so auch nicht kannte und befragte seinen Bruder mit Medizinkenntnissen im fernen Frankreich. Der befragte wiederum mich. Und die Fragen fand ich alle anstrengend. Über das Telefonat hinweg verspannte ich noch mehr und ich dachte einer Ohnmacht nahe zu sein. Die Ferndiagnose war unklar, aber mit dem Hinweis, man müsse auch an eine mögliche Embolie denken. Na danke. Da mir immer unwohler wurde, und ich auch so gar nicht mehr sagen konnte was los war, mit dem Hintergedanken eine Embolie außschließen zu müssen, bestand ich auf das Rufen eines Rettungswagens.
Der traf flott ein.

Zwei Sanitäter erschienen im Schlafzimmer, starrten mich kurz an und dann sagte der eine: „Die ist doch schwanger!“
Da ich irgendwie ganz seltsam in mir gefangen war mit meinem Schmerz, einer mittlerweile latenten Luftnot und der Übelkeit, dachte ich nur: „Habt keine Angst! Ich kriege kein Kind im Rettungswagen!“
Die Männer beratschlagten sich und nahmen erstmal den Blutdruck. Ich weiß nicht mehr wie der stand. Eigentlich weiß ich gar nicht mehr richtig, was die „Diagnose“ war. Fakt ist, ich wurde in den Rettungswagen geleitet. Dort setzte ich mich wie benommen in einen Stuhl und wurde angeschnallt. Der Rücken schmerzte immer mehr. Ich starrte vor mich hin. Wir kamen nach kurzer Fahrt an einem Krankenhaus an. Wir wurden sofort von einem bräsig kaugummikauenden Arzt abgefangen, bevor wir die Räumlichkeiten richtig betreten konnten.
Er sprach : „DIE ist doch schwanger!“
„Ach was! Und DIE steht hier und hat gute Ohren!“ dachte ich wieder. Stand da irgendwie so in ner Ecke geparkt und konnte einfach an der Unterhaltung nicht teilnehmen. Weil ich war ja so komisch in mir drin gefangen. Es kam mir endlos lange vor und ich schnappte so Sachen auf wie: „Wir haben keine Entbindungsstation!“ Eine Schwester kam dazu und empfahl ein Krankenhaus, welches in dieser Stadt hier als TopAdresse für Geburten gehandelt wird/wurde?
Die Sanitäter, als auch mein Mann, erklärten in meinem Sinne meinen Zustand, dann hieß es, immer noch kaugummikauend: „ Also, für mich ist das dann was Chirurgisches!“
Sagte die Schwester: „ Der Chirurg ist gerade nicht da! Fahren sie doch ins ….! Die Entbindungsstation ist echt schön!“
„Mann, Bratze, ich krieg das Kind nicht heute!!!!“, grollte ich in mir drin.
Die Sanitäter waren auch leicht hilflos und packten mich wieder an den Armen, um mich in den Wagen zurück zu geleiten. Dort meinte man, ich solle mich lieber auf die Liege legen, das hätte dann vielleicht mehr Dramatik!!!!
Im Liegen ging es mir noch schlechter, aber was tut man nicht alles, um in einem Krankenhaus aufgenommen zu werden?
Tatsächlich wurden wir im Profikrankenhaus für Geburten sofort durchgewunken auf die…na?….genau: Entbindungsstation!!!

Wäre ich in der Lage gewesen, ich wäre AUSGEFLIPPT! Mein Mann war ziemlich hilflos, weil ich sagte ja nichts mehr. Also setzte er sich brav neben mich, während ich in einem Räumchen wieder auf einer Liege liegen musste und ein Wehenschreiber um meinen Bauch geschnallt wurde. Ein kleines Wärmekissen gegen die Rückenschmerzen. Fertig. Die Hebamme entschwand zum Teetrinken. Ich kratzte an der Tapete. Ich dachte sowas gibts nur in Geschichten….vor Schmerz an der Wand kratzen und so. Besser wäre aber für die Dramatik gewesen, wenn ich laut geschrieen und lamentiert hätte. Ich muss an meiner Außenwirkung arbeiten!20151117_113910

Mein Mann ging dann irgendwann mal gucken, wo die Hebamme steckte oder ob es eine Krankenschwester gäbe. Als er in Begleitung zurück kam und diese mir Unterlagen zum Ausfüllen hinhielt, wegen der Krankenversicherung und so, da kotze ich ihr im Strahl vor die Füße. Meine Schmerzen waren unerträglich. Nachdem ich mich ein zweites Mal weiträumig übergeben hatte, kam Schwung in die Sache. Eine Ärztin kam dazu. Hektisch wurde auf die Aufzeichnungen des Wehenschreibers geblickt.
„Da sind Wehen zu sehen!“, sagte die Ärztin. Als wär ich geknebelt, grunzte ich nur und mein Mann verstand zum Glück: „Das hat ausgeschlagen, als sie sich übergeben hat!“ „Aaaah! Danke Mann! Du bist der Beste!“, dachte ich und würgte nochmal, wie zur Bestätigung.
Ich bekam dann intravenös etwas gegen die Übelkeit und Paracetamol. Toll! Danke! Aber warum zum Kuckuck guckte sich eigentlich keiner mal meinen Rücken an!???
Ich fand schlagartig meine Sprache wieder, als das Schmerzmittel wirkte, welches im Übrigen gereicht hätte, denn die Übelkeit kam ausschließlich von den Schmerzen. Aber das hatte ja auch keiner gefragt! Nicken hätte ich schon noch gekonnt.
Egal, denn wie beflügelt, so schmerzlos, ließ ich zu, dass man mal einen Ultraschall machte, um eine Schwangerschaftsvergiftung auszuschließen, die angeblich ähnliche Symptome hat. Ich beteuerte, dass mit dem Kind und mir alles gut sei, ich hätte bloß den Rücken übelste verrenkt! Aber man ließ sich nicht abhalten. Schwangerschaftsvergiftung und so. Aber auch spannend, wenn es ja auch das hätte sein können, wieso lässt man mich da erst Stunden rumliegen???? Und was wäre bei einem Emboliefall gewesen??? Die Frage stellte ich mir aber erst viel später. Ich war im Glücksdilirium, so ohne Schmerzen. Meinen kleinen Mann im Bauch konnte ich so nochmal betrachten und mich freuen.
Als dann auch der Ärztin klar war, dass Mutter und Kind fit waren, durfte ich in die unterste Krankenhausetage fahren und wurde dort einem Chirurgen vorstellig. Der fand ganz flott, dass zwei Rippen nicht am rechten Fleck waren, hatte ob des dicken Bauches (also meines dicken Bauches :-D) ein paar Probleme die richtig Handgriffe zu finden, um die Rippen wieder richtig einzusetzen, aber es klappe! Und trotz des Paracetamolnebels merkte ich sofort: Das war´s!
Ich war so unendlich froh, dass es mir schließlich (es war mittlerweile nach 22Uhr!!!) egal war, dass man mich zur Beobachtung noch eine Nacht da behalten wollte. Es war mir soooo egal, dass ich gerne mit meiner Zimmernachbarnin ein fragwürdiges TV-Format guckte. Ich nahm dankbar ihre übrigen Flasche Wasser an, denn ich glaubte verdursten zu müssen.
In der Nacht schlief ich komatös, dafür langweilte ich mich am nächsten Morgen fürchterlich. So ohne Telefon und alles, konnte ich ja niemanden anrufen. Ich musste warten, bis mein Mann wieder kam. Das bevorzugte TV-Format meiner Zimmergenossin konnte da auch nichts mehr reißen.
Ich spielte sogar meine Möglichkeiten durch, wie ich mich nach Hause puzzeln könnte.
Aber es hatte immer einen Haken. Ich hatte keinen Haustürschlüssel dabei. Wenn also mein Mann schon unterwegs zu mir war, so brachte mich eine Nachhausefahrt mit dem Taxi nicht weit. Ich hatte ja auch kein Geld dabei.
Ich hätte eventuell zu Fuß gehen können, denn es war für mich keine wirklich große Distanz vom Krankenhaus aus bis nach Hause. Aber das Problem mit dem Schlüssel wäre dann auch noch aktuell. Und da ich mich am Vortag nach dem Bad ja in ein fragwürdiges Outfit gepackt hatte……und ich hatte nur Hausschuhe an, so marokkanische Puschen 3 Nummern zu groß…. Man hätte mich warscheinlich in der Stadt aufgelesen und, bei meinem aktuellen Glück mit medizinischem Fachpersonal, sofort in eine Psychiatrie gebracht. Außerdem schämte ich mich so auf der Straße.
Also wartete ich. Und wartete. Und schließlich durfte ich nochmal zu einem Ultraschall gehen. Das war ganz schön, denn es war so´n bunter Luxusultraschall und ich konnte meinen ungeborenen Sohn nochmal betrachten.
Ich wurde nach meinem Entbindungskrankenhaus gefragt. Ich gab ehrlich an, eine Hausgeburt zu planen. Da hielt der Arzt einen langen Vortrag über die Risiken und die Unverantwortlichkeit und dann sagte er noch: „ Bei mir im Haus, da hat die Frau über mir auch zwei Hausgeburten gehabt! Die sind beide gut gelaufen!“ Ich glaube, er wollte damit sagen, dass die ein ganz schönes Glück gehabt hatte. Ich fand´s trotzdem sehr lustig. So belustigt lief ich sogleich meinem Mann in die Arme. Der hatte was richtiges zum Anziehen für mich dabei und ich entließ mich, gegen den Wunsch der Stationsärztin, selbst. Das war mir zu blöd!

Aber was war eigentlich aus den zukünftigen Großeltern geworden? Die hatten sich weder Sorgen gemacht, noch ein paar Schnäpse auf den Tisch gestellt und angestoßen und sich auch nicht das DU angeboten!!!
Die hatten akkurat die Küche aufgeräumt und sind weiter per SIE nach Hause gefahren!!!:-D

  2Comments

  1. Djamila   •  

    Habe mich köstlich amüsiert – sehr gut geschrieben! Mir ging’s in meiner ersten Schwangerschaft ähnlich, wenn auch nicht ganz so dramatisch. Meine Hausärztin hatte mir mein regelmäßiges Kortison-Spray zur Beginn meiner Schwangerschaft weggenommen (habe Asthma), weil das Zeug angeblich nicht gut fürs Kind sei. Mein Asthma verschlimmerte sich dann logischerweise ohne regelmäßige Medikation. Ein Lungenfacharzt stellte dann den Verdacht auf Lungenembolie und ich wurde zu zwei verschiedenen Krankenhäusern gekarrt. Lag dort ewig, habe stundenlang nicht mal zu trinken bekommen und durfte abends dann endlich nach Hause. Als ich dann mein stinknormales, gering dosiertes Kortison-Spray wieder hatte, liegt alles innerhalb von 2 Tagen bestens.

    • Beatrice Beatrice   •     Author

      Erstmal Danke schön für´s Kompliment.
      Das ist doch echt verrückt. Bei Schwangeren haben alle Angst etwas falsch zu machen und gehen so albern auf Nummer sicher, anstatt mal mit gesundem Menschenverstand ran zu gehen und die Schwangeren mal richtig zu fragen, was denn ihr Gefühl sagt. Ob man ne Ahnung hat, was los ist. Und das man nichts zu Trinken bekommt im Krankenhaus finde ich auch skandalös. Da heiß es immer viel trinken, gerade als Schwangere und dann verstaubt man da quasi. 🙂

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