Adventsspaziergang

Neulich machten wir innerorts einen kleinen Familien-Spaziergang, um den hiesigen Weihnachtsmarkt zu besuchen. Das „Weihnachtsmärktchen“ bestand aus ein paar hübschen Holzhäuschen und einem Kettenkarussell für Kleinkinder. Also ein gutes übersichtliches Ziel für uns mit den drei Kleinen.
Das Knöpfchen stieg schon behende allein aus dem Kinderwagen aus, weil sie das Kettenkarussell sofort erblickt hatte. Dieses wurde von zwei Familien aus dem Kindergarten betrieben. Der Sohn und das Sirenchen standen wie Salzsäulen und staunten, während ihre Kindergartenfreunde wild über den kleinen Platz turnten oder jauchzend im Kettenkarussell saßen. Das Knöpfchen wurde schon ganz ungehalten und strebte der Sicherheitsabsperrung entgegen. Ich holte mal drei „Fahrberechtigungsmärkchen“ herbei. Der Sohn und das Sirenchen stiegen alleine in die Schaukelsitze. Das Knöpfchen setzte ich rein. Dann kam aber einer der Verantwortlichen und befand, dass der Sitz für das Knöpfchen zu unsicher sei und bat ein anderes Kind nochmal den Sitz zu tauschen, damit das Knöpfchen sicher sitzen konnte. Das war einerseits ein guter Plan, aber der wirklich nette Mann kam unserem, derzeit etwas mimosenhaften Knöpfchen zu nah. Ihr Blick wurde ängstlich und suchend. Dann war zu allem Überfluss der Gurt für ganz kleine Kleinkinder an diesem Sitz auch kaputt und das Knöpfchen musste nochmal den Sitz tauschen. Das quittierte sie mit Kreischen und Festklammern an dem Sitz. Sie wollte so gerne mit fahren. Nachdem ich sie in den anderen Sitz mit dem intakten Gurtsystem gesetzt hatte, kontrollierte der Mann nochmals, ob alles sicher war, da weinte sie schon mit ängstlichem Blick. Als dann noch eine sehr nette Frau auf sie zu ging, (ich war im Glauben, es ginge jetzt los, schon hinter die Absperrung gegangen) um sie zu beruhigen, schrie sie natürlich sofort los. Es half auch nicht, dass ich sie nochmal drückte und herzte. Sie war verstimmt, ob der vielen fremden Gesichter, die sich da um sie kümmerten. Wir versuchten die Fahrt dennoch. Meine Hoffnung, dass das Knöpfchen doch noch Spaß daran fand, schwand schnell. Sie heulte hysterisch und blickte suchend umher und weinte nach Mamooo. Das Karussell wurde angehalten und ich sprang über die Sicherheitsabsperrung, um dem hysterischen Kind zur Hilfe zu kommen. Wahrscheinlich denken alle dort anwesenden Menschen jetzt: „War ja klar, das Kind war noch zu klein!“ Aber der Schlamassel kam nur durch die fremden Leute, die sich dem Knöpfchen genähert hatten. Ansonsten geht es nämlich auch nicht wild genug.
Das Karussell wurde wieder angeworfen und der Sohn und das Sirenchen saßen mit seligem Blick und genossen das kleine Vergnügen. Das Knöpfchen blickte verstimmt und deutete immer wieder auf das Karussell mit den Worten: AUCH. AUCH.

Danach wollten wir kurz die kleinen Buden mit ihren Waren bestaunen. Aber es war tatsächlich nichts, das uns gefesselt hätte. Es gab viel zu Essen. Ich erinnerte mich dann aber, dass es auch dicke Nikolaus-Heliumballons am Karrusselstand gab. Ich hatte ein bisschen Spendierlaune und fragte, ob die Kinder einen solchen Ballon haben wollten. Lustigerweise hatten sie noch nie einen Heliumballon gehabt und auch noch nie danach gefragt. Sie wollten natürlich gerne. Da die Kinder mit Heliumballons keine Erfahrung hatten, band ich die Ballons den Großen vorsorglich ums Handgelenk und dem Knöpfchen an den Kinderwagen. Das Sirenchen und der Sohn hüpften fröhlich los und fragten ernsthaft, ob sie den Ballon mitnehmen dürften. So ausstaffiert wollten wir noch eine kleine Runde durch den Ort laufen. Das klappte für ein paar Meter auch sehr gut. Für das Sirenchen klappte es sogar bis nach Hause sehr gut. Fröhlich und beschwingt mit dem tanzenden Ballon in der Hand. Zum Abknutschen.
Der Rest der Mannschaft schwächelte aber. Sogar sehr gewaltig. Es begann damit, dass der Sohn befand, der Ballon störe ihn beim Laufen. Ich schlug vor, ihn am Kinderwagen festzubinden. Das war ok. Nach ein paar Metern wollte er ihn aber doch wieder haben. Ich hatte auf Grund der Kälte etwas ungelenke Finger und der Knoten hatte sich sehr fest gezogen. Ich bekam ihn nicht auf. Ich erklärte den Umstand und bat um Geduld bis zu Hause. Das war dann auch erstmal ok. Dann bemerkte das Knöpfchen aber, dass das Sirenchen so nett mit ihrem Ballon vorweg hüpfte und sprach mit hellem Stimmchen immer : „Aufen, Aufen. Hand!“ Und zeigte auf die Schwester. Ich half ihr aus dem Wagen. Sie tippelte los, wollte offenbar aber doch nicht die Hand vom Sirenchen. Die vom Papa sollte es sein. Dann sollte auch meine Hand dazu und die vom Sohn auch noch. Ging natürlich nicht. Die elterlichen Hände mussten reichen. Das ging ein paar Schritte lang gut, dann wollte sie ihren Ballon. Ich fummelte ihren Ballon vom Kinderwagen ab. Das gelang zum Glück. Ich freute mich, dass keine neue Hürde entstanden war. Aber sie zeigte immer auf den anderen Ballon am Wagen. Weiß der Kuckuck warum. Sie sahen alle gleich aus. Ich packte ihren losen Ballon und hielt ihn ihr vors Gesicht, aber sie schmiss sich sodann zu Boden und schrie los und strampelte mit den Beinen. Wir warteten kurz ab. Es hörte nicht auf.

Es war kalt und an einer relativ stark befahrenen kleinen Kreuzung. Da wollten wir weg. Der Herr Papa und das Sirenchen waren schon ein paar Schritte voran gegangen. Der Sohn begann nun mich vollzunölen, er könne auf keinen Fall mehr laufen. Ich holte mal tief Luft. Er nölte weiter und wollte dann doch auch wieder seinen Ballon. Ich reichte den gerade losgebundenen vom Knöpfchen, der wurde aber von ihm verweigert und das Köpfchen wollte ihn dann doch. Da es mir zu riskant war, dem Knöpfchen den Ballon einfach so zu geben, band ich ihn beherzt an eine kleine Schnalle direkt am Jackenärmel. Ich fand das eine super Idee. Das war aber der Super-Gau. Sie schrie hysterisch auf und versuchte ihn wieder abzuschütteln, als hätte sie ein lästiges, ekliges Insekt am Ärmel sitzen. Sie warf sich wieder zu Boden.

Der Sohn maulte und nölte und heulte los. Ich schlug vor, zu Hause gäbe es Kakao und natürlich würde ich sofort den Ballon am Wagen abschneiden und ihm überreichen. Er heulte weiter. Das Knöpfchen randalierte. Ich hob sie auf und versuchte sie in den Kinderwagen zu stecken. Ich hätte sie gern angeschnallt, aber es gelang mir nicht. Sie wand sich immer wieder aus meinem Griff. Sie schrie noch lauter und ließ sich wieder zu Boden gleiten. Der Herr Papa eilte zur Hilfe und wir schafften es zu zweit, notdürftig das Kind festzuzurren. Wie zwei Anfänger. Ein Theater der Extraklasse. Aber die Rechnung ging ohnehin nicht auf. Sie wand sich aus den Gurten und stand kreischend im Wagen, mit den Beinen verheddert. Ich nahm sie vorsorglich wieder raus und trug sie über die nächste und letzte viel befahrene Straße. Weiter kam ich so nicht, weil sie sich auch in meinem Arm wand. Und diese dicken, wasserabweisenden Winterjacken, sind ja sehr rutschig. Es trägt sich nicht gut damit. Ich stellte sie wieder ab. Sie rannte hysterisch heulend hinter mir her. Der Ballon folgte ihr schaukelnd. Der nölende Sohn hatte begonnen den Herrn Papa zu bearbeiten. Natürlich ohne Erfolg. Nachdem sich das Knöpfchen wieder hinwarf und im nassem Laub lag (ohne Matschhose), hob ich sie doch wieder auf und versuchte sie nochmals in den Kinderwagen zu setzen. Erfolglos. Ich reichte das kreischende Kind an den Papa weiter. Das wollte es aber noch viel weniger. Es war ohrenbetäubend.

Dann, ganz plötzlich, ließ sie sich doch noch von mir ohne zu zappeln nach Hause tragen. Zum Glück war es auch nicht mehr weit. Der Sohn heulte das letzte Stück noch weiter, um das Szenario abzurunden.

Zu Hause waren dann ad hoc alle friedlich und spielten mit ihren Ballons.

Warum muss dem Frieden immer ein riesen Desaster voraus gehen?

  1 Comment

  1. Anke   •  

    DAS frage ich mich auch oft. Erst ein Riesentheater um Dinge, die wir als Erwachsene als Kleinigkeiten empfinden (oder schonmal aus unserer Sicht völlig grundlos) und auf einmal ist alles wieder gut. Als hätte man einen Schalter umgelegt. Falls es den gibt und den jemand findet, bitte allen gestreßten Eltern (also allen) mitteilen. 😉

    Hoffen wir mal, daß es morgen kein Desaster vorm Frieden gibt… Frohe Weihnachten!

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