Plötzliche Schmerzen- Hüftschnupfen

 Oder: „Seltene Krankheiten sind selten, häufige Krankheiten sind häufig!“

Im Sommer, an einem heißen Tag, da saßen wir im Garten fröhlich beim Frühstück. Der Sohn sprang plötzlich auf, um einen Schmetterling an einer Blume zu betrachten. Dann kam er zurück zum Tisch und sagte: „Irgendwie tut mir das Bein weh!“ „Aha!“ War meine Antwort. Kindern tut ja immer mal irgendwas weh. Der Sohn hat z.B. immer mal Wachstumsschmerzen. Er setzte sich hin und nölte weiter, das Bein täte richtig weh. „Hmmmm. Wo tut es denn genau weh?“ startete ich das Anamnese-Gespräch. „Und seit wann?“ „Seit gerade eben! Hier… der Oberschenkel.“ „Dann bist du bestimmt komisch aufgetreten oder es war eingeschlafen? Warte mal ab, das geht gleich weg!“ Ich war sehr zuversichtlich. Es ging aber nicht weg. Er wurde quengelig. Wir dachten an Muskelkater. Obwohl mir das auch unwahrscheinlich erschien. Wovon sollte das kommen? 
Während wir das Planschbecken befüllten und auf Freunde warteten, legte sich der Sohn auf die Couch. Dort blieb er liegen. Auch als die anderen Kindern kamen. Auch als die anderen Kinder im Planschbecken saßen. Auch als es etwas zu Essen gab. Das war merkwürdig. Wir versuchten es mit Massage und mit warmen Umschlägen. Obwohl bei 28° Innentemperatur war das auch überflüssig. Kühle Umschläge waren ihm lieber. Sein kompletter Oberschenkel schmerzte. Er wollte das Bein nicht mehr bewegen. Nun war es auch noch Freitag nachmittag und unser Kinderarzt hatte seine Praxis schon für die nächsten zwei Wochen Sommerferien geschlossen. Is ja immer so, wenn wirklich mal was ist. Ich befragte das, für mich, beste Buch für Kinderkrankheiten: Die Kindersprechstunde. Ich suchte nach allem, wo Beinschmerzen vorkommen. Ich stieß in einem Nebensatz auf das Phänomen „Hüftschnupfen“. Dieser kommt gerne mal in Kombination oder nach einem Infekt vor. Das Hüftgelenk ist dann entzündet und das strahlt ins Bein. Es ist ungefährlich, aber unangenehm. Es passte irgendwie. Ein Infekt in Form einer Erkältung war frisch überstanden. Ich hatte jedoch noch nie von „Hüftschnupfen“ gehört und nahm es mal als eine Möglichkeit von vielen hin. Als der Sohn weinte, gab ich ihm etwas gegen die Schmerzen. Es schien zu helfen. Als er schließlich auf Toilette musste, musste der Herr Papa ihn hin tragen, da er meinte nicht auftreten zu können. Auf der Toilette schrie das Kind dann dermaßen los, dass uns und den Gästen die Haare zu Berge standen. Was war denn da jetzt los? Trotz Schmerzmittel! Eins war klar, wir mussten zum Arzt! Und der Sohn konnte nicht urinieren vor Schmerzen. Einen Katheter konnten wir ja nicht legen, wir zogen ihm also zu zweit unter Geschrei eine Windel an. Was sollten wir sonst auch machen? Der arme Kerl. Es war schlimm.
In solchen Momenten werde ich dann etwas konfus. Da mache ich meinem Namen wieder alle Ehre. Ich werde fahrig und wirr. Ich bin dann kaum in der Lage im Internet nach einer Adresse zu suchen. Ich werde so unfassbar nervös und kann garnicht mehr klar denken. Ich muss mich dann echt zusammen reißen. Wir entschieden, dass trotzdem ich mit dem Sohn in die nahegelegene Kinderambulanz der Uniklinik fahren würde. Der Herr Papa wollte lieber Haus, Gäste und restliche Kinder hüten. Ich glaube, ihn macht das fast noch nervöser als mich. (Da fällt mir auch eine sensationelle Geschichte ein….muss ich auch gesondert aufschreiben).
Nun kam ein erheiternder Aspekt hinzu. Wir hatten unsere große Familienkutsche an meinen Bruder verliehen und stattdessen sein Auto vor unserer Tür stehen. An sich ja nicht so spektakulär der Sachverhalt. Aber ich nenne das Auto meines Bruders gerne eine „Luden-Schleuder.“ Silber glänzend poliert, tiefer, breiter, schneller…PS stark, alles was das Herz eines Anfang 20Jährigen Autoliebhabers höher schlagen lässt. Man hat vielleicht ein Bild. Meine Zeichnung kommt nicht annähernd ran an das gute Stück.

Irgendwie passten wir optisch nicht in die Karre. Das kam mir aber erst später. Ich musste erstmal den armen Sohn da in die Junggesellenkiste irgendwie rein heben und in den Kindersitz fummeln. Ich fuhr außerdem etwas hibbelig in die von Sommerhitze schwirrende Stadt. Ich schwitzte am Ledersitz fest. Es gibt zwar auch eine Klimanlage, aber die machte ich direkt aus, denn ich wusste nicht wie ich den Polarwind wärmer stellen konnte. Ich wollte nicht erfrieren. Erstrecht wollte ich dem kleinen Mann hinten nicht eine neue Erkältung auf die Stirn pusten. Und ich bin da ein bisschen blöd, was die Bordtechnik angeht. Ich kann unter den beschriebenen erschwerten Bedingungen keine Knöpfe mehr mit Logik bedienen und hatte auch keine Zeit mich da genau umzugucken. Angst einen Kratzer in das gute Stück zu fahren hatte ich auch. Auch wusste ich nicht genau wo ich hin musste und welche Odyssee uns erwarten würde. Das Kind weinte bitterlich. Ich wollte auf keinen Fall stundenlang warten müssen und dann blöde Untersuchungen erleben.
Am Klinikgelände angelangt fand ich recht schnell die richtige Zufahrt (nicht ohne vorher noch 3 umständliche Wendemanöver zu fahren. Sorry, andere Autofahrer, es war eine besorgte und aufgeregte Mama mit weinendem Kind, da fährt man nicht so akkurat und ja, dann heult auch mal der Motor auf oder man bremst etwas abrupter). Dann wusste ich auch nicht wie weit ich mit dem Auto auf das Gelände durch fahren könnte und parkte ganz vorne an auf einem sehr leeren und sonnigen Parkplatz. Ich friemelte das weinende Kind aus dem Junggesellenauto und trug ihn über das halbe Klinikgelände. Die Kinderambulanz liegt irgendwie so mitten drin und ich hätte noch gut einen Parkplatz in unmittelbarer Nähe haben können. Aber gut, man läuft ja nicht zurück um das Auto umzuparken, wenn man froh ist, fast am Ziel zu sein. So schleppte ich meinen kleinen Mann in die Ambulanz und setzte ihn auf dem Aufnahmetresen etwas ermattet ab. Ich erwartete Mecker, aber die Dame am Schalter war sehr freundlich. Ich schwitze sehr und der Sohn weinte. Die Ambulanz wirkte erfreulicher Weise sehr unbelebt, was mich hoffen ließ, dass wir schnell dran kämen. Gut, dass Sommerferien waren. Ich ließ meinen Blick schweifen und entdeckte ein Schild auf dem der aktuell diensthabende Kinderarzt angeschlagen stand. Sofort überfiel mich ungläubige Erleichterung! Hurrrrrraaaa! Das nennt man Glück im Unglück! Unser Kinderarzt hatte Dienst! Ich wusste gar nicht, dass er dort Notdienst machte. Zudem wähnte ich ihn schon im Urlaub. Juhuu! Ich sagte dem Sohn was ich entdeckt hatte, ein zaghaftes Lächeln und da kam unser Kinderarzt auch schon den Gang entlang. Ich war selten so froh ihn zu sehen, wie in diesem Moment! Ich glaube der Sohn auch.
Wir kamen sofort dran und die Untersuchung bestätigte meinen „Hüftschnupfen-Verdacht“. Der Doktor sagte, ich solle ruhig weiter Schmerzmittel geben. Was anderes könne man nicht tun. Das sei manchmal, wie beim Sohn, sehr schmerzhaft und es sollte langsam mit jedem Tag besser werden. Einzig wenn Fieber hinzu käme, müsse ich wieder kommen, dann müsse der Sohn auf Station. Dann sei es etwas anderes und ernstes. Ich blickte erschrocken.
Da sagte er: „Seltene Krankheiten sind selten. Häufige sind häufig!“ Das ist typisch für unseren Kinderarzt. Love it or hate it. Wer auf viele Worte steht, wird mit ihm nicht glücklich. Dafür kann man ihn aber durchaus auch spät am Abend am Wochenende zu Hause anrufen. Allerdings nur in wirklichen Notsituationen. Ich glaube wegen einem Schnupfen kommt er durch den Hörer.
Mit dieser Aussage wusste ich Bescheid, beruhigte mich und trug erleichtert meinen kleinen Sohn zum Auto zurück. Der Rückweg zog sich allerdings. Der arme kleine Kerl hing wie ein nasser Sack in meinen Armen. Ich glaube wir waren beide nun etwas abgeschlafft vor Erleichterung. Das Auto war mit seinen schwarzen Ledersitzen jetzt allerdings so dermaßen aufgeheizt….als ich die Türen öffnete kam der Atmen der Hölle heraus. Da konnte ich das Kind nicht hinein setzen und ich konnte das Lenkrad nicht anfassen. Ich versuchte den kleinen Patienten  abzustellen. Der hielt sich auf einem Bein stehend am Auto fest und ich legte ein T-Shirt, was ich auf der Rückbank fand in den Kindersitz, damit er nicht direkt auf dem Heißen sitzen musste. Nach kurzem Lüften ging es dann. Wir ließen alle Fenster auf. Jaaa, ich weiß, die Klimaanlage. Die bekam ich auch an und stellte sie dann auch so ein, dass man nicht schockgefrostet wurde.

Zwei Nächte verbrachten der Sohn und ich im Wohnzimmer. Er wollte sich möglichst nicht von der Couch fortbewegen. Die Windel blieb auch am nächsten Tag noch im Einsatz.
Aber schon 2 Tage später hinkte er wieder durchs Haus und brauchte keine Schmerzmittel mehr. Nach einer Woche war er komplett beschwerdefrei.

Ich würde behaupten wir hatten das Häufigste von den seltenen Krankheiten. 😀

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