Blogparade: Leitwölfe

Das Thema Erziehung beschäftigt wohl alle Eltern. Das neue Buch von Jesper Juul: Leitwölfe sein macht gerade die Runde und damit auch die Blogparade von my toys.de .

Ich glaube beobachten zu können, dass Familien in denen ein vernünftiges Gleichgewicht zwischen allen Anforderungen des Lebens herrscht, alle auf ihre Weise den richtigen Weg für sich und die Kinder finden. Mit dem Gleichgewicht meine ich, dass es allen soweit gut geht, es keine größere Beziehungskrise gibt und eine passable Balance zwischen Arbeit und Familie herrscht. Wie das genau gestaltet ist, ist auch egal. Dass es immer mal bessere Phasen und schlechtere gibt ist normal und ok.
Kommt das Familiengefüge durcheinander, kann auch mit den Kindern und deren Erziehung etwas durcheinander geraten.

Fehler passieren aber allen mal. Das ist nicht weiter tragisch. Da kann man dran arbeiten. Man muss es nur merken.

Ich selbst würde mich ganz klar als Leitwolf bezeichnen. Allerdings mit Kuschelkurs. Damit meine ich, dass ich definitiv ein paar klare Vorstellungen habe und die auch durchsetze. Außerdem habe ich für mich in meiner Mutterrolle begriffen, dass ich auch ein Mensch mit Launen und Bedürfnissen bin und die vor den Kindern nicht verstecken muss. So wie die Kinder sagen dürfen, ja sogar sollen, wenn sie etwas nicht möchten, so tue ich das auch. Ich lebe es vor. Wir akzeptieren uns wie wir sind. Klar ärgere ich mich auch über meine Kinder. Die dürfen sich aber auch über mich ärgern. Wir zeigen uns aber unsere Zuneigung jeden Tag.
Ich lasse oft auch mit mir diskutieren. Ich versuche die Dinge mit den Kindern zu besprechen, die ich für wichtig halte. Manchmal muss ich aber auch Dinge einfach bestimmen. Es gibt Situationen, die können Kinder nicht einschätzen. Ich muss hin und wieder Grenzen setzen.
Ich übe mich täglich in Geduld, dass ist nicht meine Stärke. Ich übe mich darin nicht aus der Haut zu fahren (auch keine leichte Übung für mich), wenn die drei Wahnsinnigen nicht hören wollen. Manchmal bin ich auch inkonsequent. Manchmal habe ich keine Lust schon wieder NEIN zu sagen. Es ist anstrengend der Leitwolf zu sein.

Gerade die ersten Jahre habe ich versucht alle Bedürfnisse der Kinder nach meinen Möglichkeiten zu erfüllen. Ich glaube, dass hat ganz gut geklappt. Sie machen mir keinen unglücklichen Eindruck. Natürlich verfolge ich das weiterhin so, aber sie werden und sind auch schon erschreckend selbstständig und helfen sich selbst.

Manchmal machen sie mich fertig.

Um meine Überzeugung der Leitwolftherorie mal zu untermauern:
Ich oute mich jetzt hier auch mal als Grundschullehrerin. Ich kenne den Brennpunkt, die durchschnitts Schule und die integrative Schule. Ich habe einen guten Querschnitt. Die Arbeit brachte mich zu der festen Überzeugung, dass Kinder einen Leitwolf brauchen und sogar suchen. Kinder suchen nach Grenzen. Damit meine ich nicht, dass man sie in einen Wald von Verboten setzt. Das geht nach hinten los. Aber sie brauchen Orientierung. Sie wissen und kennen nicht, was wir Erwachsenen wissen. Gibt man Kindern einen sicheren Rahmen vor, so können sie aus diesem sicheren Bereich heraus, erkunden. Das schüchterne und ängstliche Kind macht es in kleinen Schritten, das forsche und draufgängerische Kind in großen Schritten. Bei Bedarf nach Sicherheit, kommen alle in den gesteckten Rahmen zurück.
Wenn ein Erwachsener mit Herz und Verstand und authentisch da ist, als Ansprechpartner zur Verfügung steht und den Kurs vorgibt, so werden die Kinder folgen. Wenn man einen Fehler gemacht hat, dann sagt man das gerade heraus. Das ist kein Problem und wird verziehen und gibt auch den Kindern die Möglichkeit Fehler leichter einzugestehen.

In der Brennpunktschule war die Situation am plakativsten. Eine 5. Klasse (in Berlin geht die Grundschule 6 Jahre) war besonders „schlimm“. Also es war tatsächlich eine Ansammlung von Chaoten mit den wildesten Elternhäusern. Man kann getrost sagen, der ein oder andere Schüler stand mit einem Bein schon im Jugendknast, bevor die Jugend überhaupt richtig angefangen hatte. Da gab es keine Eltern die sich kümmerten. Und es gab Mädchen, wenn diese nicht in der Schule waren….wusste man, was diese zu Hause zu „erledigen“ hatten. Finster. Ganz finster!
Aber diese Kinder kamen alle gerne zur Schule, obwohl sie sich dort aufführten, wie Wahnsinnige. Stühle flog durchs Klassenzimmer. Ernsthaft!
Als Referendarin sollte ich ausgerechnet ein paar Stunden der Woche in diese Klasse. Ich hatte richtig Angst. Aber richtig. Allerdings mochte ich die Kinder. Ich mochte sie wirklich. Und das haben sie gemerkt. Ich musste mich schon erstmal durch Provokationen und wildes Durcheinander kämpfen. Ich habe mich künstlich aufgeplustert und so viel Autorität versucht auszustrahlen, wie ich zur Verfügung hatte. Ich habe einen klaren Regelkatalog mit wenigen Regeln verfolgt und konsequent immer reguliert. Ich bin manchmal ziemlich laut geworden. Zum Glück habe ich ein lautes Organ und kann so einen Wahnsinnshaufen überbrüllen. Es gab einige Situationen, die sehr brenzlich waren. In denen ich dachte: „Wenn die jetzt raffen, dass sie alleine das Ruder in der Hand haben, dann gute Nacht!“ Es waren Sekunden, in denen die Situation auf der Kippe stand. Ich bibberte innerlich. Ehrlich. Aber sie haben sich immer für die Kooperation mit mir entschieden.
Als im Seminar mal wieder das Thema Unterrichtsführung anstand, musste ich leider sagen, dass die ganzen tollen pädagogischen Raffinessen in einer solchen Klasse leider nicht funktionieren. Man bot mir einen außerplanmäßigen Unterrichtsbesuch an, in dem nicht ich bewertet werden sollte, sondern mal überlegt werden sollte, wie man eben im Brennpunkt optimaler Weise reagiert.
Der Besuch kam unangekündigt. Ich wollte wirklich, dass die Seminarleiter sehen, was die Realität ist. Aber die Klasse….ich liebte sie danach noch mehr. Sie rührten mich zu Tränen! Sie sahen hinten im Klassenzimmer 3 Leute mit Block und Stift sitzen und glaubten, die würden MICH bewerten. Die Kinder benahmen sich tip top, saßen alle still und ordentlich an ihren Plätzen und meldeten sich leise! Das war eine Sensation! Natürlich fragte man mich, was ich denn hätte. Und ich fragte später die Kinder, was denn in sie gefahren wäre. Und sie sagten: Sie wollten ja doch, dass ich eine gute Prüfung machen würde. Könnt ich heute noch heulen!

Was ich damit sagen will: Diese Kinder brauchten eine sehr resolute und doch auch autoritäre aber herzliche Zuwendung. Sie lechzten danach. Endlich interessierte sich jemand für sie und gab eine Richtung vor. Das war natürlich nicht ich alleine. Sondern die Lehrer, die diese Klasse lenkten.

Und nun schlage ich den Bogen: Das ist mit allen Kindern so. Leitwolf sein ist wichtig! Und man kann das so sein, wie es zum eigenen Temperament passt. Wichtig ist, dass die Kinder immer die Liebe und Zuneigung fühlen und sich auf die Bezugspersonen verlassen können. Dann ist ALLES gut! Dann muss man garnicht mehr sagen und überlegen.

Und nur weil ich das hier so aufschreibe und eine klare Meinung habe, mache ich nicht alles richtig! Ich mache auch ständig irgendwas falsch. Manchmal könnt ich mir selbst ne Bratpfanne vor den Kopf hauen. Aber egal.

  5Comments

  1. Anja vom myToys-Blog   •  

    Liebe Beatrice,
    eine tolle eigene Erfahrung, die Du hier schilderst und dabei eine ganze individuelle Interpretation der Leitwölfe.

    Vielen Dank dafür. Schön, dass Du an unserer Blogparade teilgenommen hast.

    Liebe Grüße
    Anja von der myToys-Redaktion

    • Beatrice   •  

      Bitte, gerne! 🙂

  2. Steffi   •  

    Sehr schön hast du das geschrieben. Mein Post zum Buch geht am Samstag online und ich bin auch Lehrerin, allerdings fürs Gymnasium. Ich fand das Buch sehr gut und habe einiges daraus mitgenommen.
    LG Steffi

    • Beatrice   •  

      Hallo Steffi,
      danke. 🙂 Ja, erziehen hört ja nicht an der elterlichen Haustüre auf. Als Lehrer hat man ja auch eine Beziehung zu den Schülern und muss sich in irgendeiner Form positionieren. Dann bin ich mal gespannt auf deinen Post. Guck ich mir an!
      LG Beatrice

  3. Pingback: #Leitwölfe-Blogparade: Das brauchen Kinder | myToys-Blog

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