Wenn der Schulweg plötzlich Hürden hat

Der Sohn geht seit einer ganzen Weile fröhlich und gern den Schulweg alleine. Auch nachmittags zu Freunden, die in einem passenden Radius wohnen, geht er alleine.
Ich finde das gut und wichtig. Er ist auch stolz, dass er das alleine kann und darf. Ich finde das, glaub ich, aufregender als er.  Aber die Wege sind gut bekannt und zusammen eingeübt.

Nun kam er neulich weinend nach Hause. Da setzt der Mama-Herzschlag prompt einmal aus vor Schreck.
Ein Dritt- oder Viertklässler hatte den Sohn auf dem Nachhauseweg abgefangen, den Weg versperrt, ihm blöde Sprüche gedrückt und mehrfach in den Ranzen getreten.
Am liebsten wäre ich los gerannt, um mit dem Typen mal „Karussell zu fahren“. So als Mama sehe ich echt rot, wenn mein Küken gepiesackt wird. Ich behielt die Kontenance, zeigte aber, dass ich das auch schlimm und ganz und gar verurteilenswert finde. Ich tröstete und wollte alle Einzelheiten wissen.

Also, dieser Junge hat wohl auch schon mehrfach auf dem Schulhof über den Sohn und auch andere Erstklässler gelacht und blöde Späße gemacht. Vor allem macht er sich über das Aussehen der anderen Kinder lustig und sagt: „Du bist/Ihr seid voll hässlich!“ und solche Sachen. Davon hatte der Sohn schon mal erzählt. Der Typ ist sozusagen ein alter Bekannter. Ich habe dem Sohn dann vorgemacht, was er antworten könnte und auch wie. Da fing er an zu weinen, weil ich so überzeugend war in meiner Rolle. Oh nein, oh nein, oh nein. Er sollte sich das abgucken und sich nicht erschrecken. seufz

Aus welcher Klasse genau der unmögliche Typ kommt und wie der heißt, weiß der Sohn nicht. Die Schule ist tatsächlich riesig. Auf dem Schulhof fühlt sich der Sohn aber trotz gelegentlich blöder Sprüche sicher.
Klar ist, wenn so etwas auf dem Nachhauseweg nochmal vorkommt, gehe ich der Sache auf die Spur und werde diesen Jungen ausfindig machen und mal mit den Lehrern und/oder Eltern sprechen. Oder aber meine Paraderolle als Gossen-Mutti nochmal am passenden Objekt ausprobieren. 😉

Nachdem sich meine erste Empörung etwas gelegt und der Sohn sich beruhigt hatte, fasste ich die Fakten zusammen.
Der große Junge hatte den Weg versperrt, seine obligatorischen Beleidigungen abgelassen und in den Ranzen getreten. Allerdings konnte der Sohn sich an dem Jungen vorbeidrängen und war pünktlich wie immer zu Hause gewesen. Es war auch nichts kaputt gegangen.
Es war also eine kurze, wenn auch unerfreuliche Episode, aber ohne körperlich in Mitleidenschaft gezogen worden zu sein. Es war allein der Schreck, die Angst und das Nicht-Begreifen, dass der große Junge so etwas Blödes einfach tut.

Das Mama-Herz kocht natürlich trotzdem und der emotionale Sturm in meinem Inneren könnte nicht größer sein. Da hat einer mein Baby geärgert! Vor meinem geistigen Auge sehe ich mich als feuerspuckenden Drachen alle Angreifer in die Flucht speien.
Am liebsten würde ich meine Kinder immer und überall beschützen, aber damit macht man sie ja eher lebensuntüchtig. Und das Gegenteil soll das erklärte Ziel sein.

Ich wusste aus eigener mannigfaltiger Erfahrung (am eigenen Leib und auch von anderen), dass sowas oder so ähnlich leider Vielen passiert und konnte dem Sohn erzählen wie die anderen und ich selbst ähnliche Situationen gelöst haben. Wir mussten teilweise sogar lachen. Der Sohn fühlte sich mit seinem Problem nicht mehr allein und war bereit, die Sache nicht mit einem totalen Rückzug unter Mamas Drachenflügel zu quittieren.

Eines ist nämlich wichtig:
Meine Kinder sollen sich alle sicher und versiert in ihrem Wohnumfeld und auf ihren Wegen bewegen können. Ach, was sage ich: Auf der ganzen Welt. Ich möchte nicht, dass sie eingeschüchtert sind und sich nicht trauen ihre Wege zu gehen, aus Angst vor irgendwelchen gefrusteten und nach Krawall suchenden Leuten. Diese Leute gibt es leider überall.  Man muss schlichtweg lernen damit umzugehen und seine persönliche Strategie finden. „Personenschutz“ und Unterstützung gibt es von uns Eltern natürlich, wann immer es nötig und gewünscht ist. Und trotzdem steht die Selbstständigkeit im Vordergrund.

Es bringt sicherlich etwas in der Gruppe den Schulweg zu machen. Aber selbst das ist kein Garant, um verschont zu bleiben. Weiß ich auch aus eigener Erfahrung.

 

Mit dem Sohn habe ich schon zu Beginn der Schulzeit mehrfach und nun wiederholt über Möglichkeiten sich zu „retten“ gesprochen.

 

6 Strategien um Widersachern zu trotzen

1. Laut sein.

Das Wichtigste überhauptaupt.
Laut NEIN sagen. Laut GEH WEG sagen. Laut LASS MICH IN RUHE sagen. Laut jemanden zu Hilfe rufen.
Sich generell trauen LAUT zu sein!
Am Tag sind ja doch immer irgendwo Menschen.
In der Ferne läuft ein Erwachsener? Winken und sagen: „Ach, da kommt mein Papa/Opa meine Mama/Tante, der/die holt mich ab!“ Und vielleicht noch laut nach dem vermeintlichen Bekannten rufen.
Können auch andere Kinder sein, die man als Freunde bezeichnet und herbei ruft.

„Das kann man doch nicht machen. Was denken die fremden Leute dann?“

„Egal, was die denken! Wenn es dir hilft, ist es richtig!“

 

2. Überzeugt sein

Die Körpersprache ist auch wichtig. Ist man laut und tritt dem „Gegner“ unerschrocken entgegen und macht eine abwehrende Handbewegung, so unterstreicht das das Stopp-ich-will-das-nicht. (Das wird eigentlich auch in den Schulen so geübt. Aber man kennt es ja. Bei manchen Angreifern hilft das einfach auch nichts, selbst wenn man es überzeugt vorträgt.)

 

3. Aus dem Weg gehen

Eine gute Alternative in unserem Fall ist es, der Situation aus dem Weg zu gehen und einfach einen anderen Weg zu laufen. Glücklicherweise gibt es mehrere Möglichkeiten um ans Ziel zu kommen, auch ohne große Zeiteinbußen, und die kennt der Sohn. Klappt bisher. Er geht einfach eine andere Strecke oder variiert auch je nach Laune. (Das hatte ich die erste Zeit nicht erlaubt, damit ich ihm entgegen laufen könnte ohne ihn suchen zu müssen.)

 

4. Rettungsinseln

Wenn man alleine nicht mit der Situation fertig wird, kann man auch einfach in ein Geschäft oder öffentlich zugängliches Gebäude hinein laufen oder an einem Haus klingeln. Auch schon, wenn man sich verfolgt fühlt. Ich bin sicher, gerade wenn man bei einem Einfamilienhaus klingelt, werden so kindliche „Gegner“ sofort eingeschüchtert, weil sie glauben man kennt die Leute und verschwinden schon, bevor jemand die Türe auf macht.
Wenn jemand die Türe aufmacht, sagt man einfach warum man geklingelt hat.

 

5. Verteidigung

Sollten meine Kinder jemals tätlich angegriffen werden und sich nicht aus der Situation lösen können, dann dürfen sich meine Kinder auch körperlich wehren.
Wenn nämlich alles andere nicht hilft, eine Situation akut ist, muss sich meiner Meinung nach niemand vermöbeln lassen ohne Gegenwehr. Vor allem nicht, wenn das wiederholt auftritt und alle anderen Maßnahmen nicht helfen oder es vielleicht mehrere Angreifer sind.
Da haben meine Kinder alle elterliche Rückendeckung.

 

6. Übung

Da die ganze Theorie nichts nützt ohne Übung, probt der Sohn nun mit mir Lautsein und eine entschlossene Körpersprache.

 

Lustigerweise hatte der Sohn einst seine Schwestern nebst Freundinnen gegen drei größere Jungs erfolgreich verteidigt und ich war mächtig stolz und vor allem sehr erstaunt. Er gehört wirklich zu den sehr friedlichen Gemütern. Als ich ihn an seinen damaligen Einsatz erinnerte, sagte er: „Ja, da hatte ich ja auch Wut!“

„Genau an die Wut musst du dich erinnern! Du darfst dich selbst auch beschützen. Trau dich!“

Er nickte. Ob es gelingt, werden wir sehen, falls es nochmal zu einer unschönen Begegnung kommt. Ich wünsche ihm aber allzeit freie Wege und freundliche Mitmenschen.

 

Ich denke wir haben das Thema damit erstmal im Griff.
Für mich ist es tatsächlich aufregend, weil ich nun noch ein bisschen nervöser mittags auf den Sohn warte.

Kennt ihr solche Situationen? Wie geht ihr damit um?
Gibt es noch andere nützliche Strategien für Unterwegs?

  2Comments

  1. Beunkt Lampenhügel   •  

    Also! Der arme Sohn! Es gibt einfach immer und überall Menschen, die andere aus unerfindlichen Gründen ärgern! Man muss das jetzt nicht aufbauschen; aber solche Sachen erledigen‘ sich nicht von alleine. Ich finde Deine Rettungsvorschläge gut und richtig – und vielleicht hat der Sohn eine Chance, sich gegen den Piesacker zu erwehren und durchzusetzen; ich wünsche es ihm sehr (und DIR auch!). Allerdings scheint der Piesacker 3-4 Jahre älter zu sein und dieser Altersunterschied ist in so jungen Jahren ja gefühlt noch sehr groß. Natürlich steht die Selbständigkeit des Kindes im Vordergrund, jedoch finde ich, dass, wenn ein klares Machtgefälle besteht; ein Ungleichgewicht, dass es meine Aufgabe ist, mein Kind zu beschützen, damit es keinen Schaden davonträgt. Der Piesackende empfindet ja eine Befriedigung, wenn er den vermeintlich Schwächeren ärgert und ängstigt. Die einzige Waffe dagegen ist, deutlich zu zeigen, mit Worten und Taten, dass man ‚keine Angst‘ mehr hat. Dem Piesacker geht es nur darum, Macht auszuüben und sich über den anderen zu stellen. Nimmt man ihm den Wind aus den Segeln, wird man langweilig für ihn. (Ganz anders stellt es sich dar, wenn körperliche Gewalt im Spiel ist – das ist ein NO-GO und muss sofort unterbunden werden!). Ich würde auch ganz klar die Löwenmama auspacken und ‚offizielle‘ Wege einschlagen, wenn das wieder vorkommt und mein Kind sich nicht wehren kann.

    Ein interessanter Film dazu hier:
    https://www.facebook.com/mensxp/videos/2240156729343930/

    Ich habe leider schon sehr ähnliche Situationen mit meinen Kindern erlebt und muss unbedingt mal darüber schreiben; es ist gerade sogar akut. In diesen Situationen herrschen auch immer klare Machtgefälle, und es löste sich nichts von alleine, daher bin ich letztendlich für meine Kinder eingetreten. (Wie wir das gerade lösen, gibt es bestimmt bald einmal zu lesen.)

    Und eine Betthupferl-Anekdote zum Schluss: Ich kann mich noch sehr gut erinnern, dass mir als I-Dötzchen mal ein 4.-Klässler einer anderen Schule an der Bushaltestation aufgelauert hat. Er drohte mir und drückte mir dann Murmeln in die Nase. Er fand das extrem lustig und ich war ihm hilflos ausgeliefert; niemand in Sicht. Danach konnte ich immer einen anderen Weg gehen und bin ihm nie wieder begegnet. Aber was wäre gewesen, wenn? Hätte ich mir selbst helfen können? Ich vermute, nein.

    Nochmal alles Gute und viel, viel laut sein!

    • Beatrice Beatrice   •     Author

      Was ein langer Kommentar! Frau Lampenhügel….

      Wir sind recht entspannt derzeit. Der Sohn ist ja zum Glück sehr mitteilsam und hat die Sache nicht nur mir, sondern anderentags auch seiner Lehrerin erzählt. Sie schaut mal mit ihm auf dem Schulhof, wer das ist. Wichtig, neben dem Lautsein, ist es ja auch sich mitzuteilen, wenn man Sorgen hat. Der Part läuft prima.
      Ansonsten weiß ich leider auch, dass manche Kinder in sozial so schwierigen Situationen lebe und denen es dann komplett egal ist, wenn sie von Erwachsenen Ärger bekommen und dann erst Recht austeilen. Ich hoffe nicht, dass es so ein Fall ist. Und wenn, dass ihm dann vernünftig geholfen wird. Mit genau Hinschauen.

      Deshalb finde ich es so wichtig, dass man sich als Kind auch positionieren kann, zu helfen weiß und eben nicht zum geborenen Opfer wird.

      Ich hoffe ihr könnt eure Problematik gut lösen! Das klingt ja auch wild!

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