Wie ich mich plötzlich kurz wie 5 Jahre alt fühlte

Ich hatte meinen ersten Unfall mit dem Lastenfahrrad. Keinen schweren Unfall. Keine Sorge. Und es saßen auch keine Kinder drin. 

Es trug sich an einer übersichtlichen und großzügigen T-Kreuzung im Ort zu. Ich musste aus der Stichstraße auf die „Hauptverkehrsstraße“ des Ortes einbiegen. Ich mag es, mich in fließenden Verkehr einzufädeln. Fließend bedeutete in diesem Fall, es kam ein Auto gefahren und das zeigte zwar an, es wöllte in eine sehr großzügige Einfahrt direkt neben mir abbiegen, aber da nun auch sonst keine Verkehrsteilnehmer oder andere Hindernisse unterwegs waren, nahm ich an, das Auto böge dann auch ohne großen Zauber einfach in die Einfahrt ab.

Tat es aber nicht.

Es bremste unerwartet und abrupt. Ich bremste  auch sofort, aber es regnete, es war nass auf der Straße und mein „Schlachtschiff“ ist schwerer als ein normales Fahrrad und kommt nicht abrupt zum Stehen. Ich sah mich also trotz bremsen in Zeitlupe auf die hintere rechte „Ecke“ des Autos zu rollern.

„Oh nein, Oh nein, Oh neiiiiin!“  

Plock, machte es.

Ich war ja nicht schneller als ein Fußgänger.  Dennoch….Scheiße. 

„Wieso bremst der denn jetzt so plötzlich?!“ entfuhr es mir laut. Scheiße, Scheiße, Scheiße. Und das ohne Ausweis, ohne Handy  und ohne Kaffeeeee! Ich hatte doch nur schnell im strömenden Regen das Knöpfchen in die KiTa gebracht, weil sie unbedingt im Dunkeln fahren wollte.

Ich wartete kurz, ob der Fahrer ausstiege. Tat er nicht, sondern fuhr in die Einfahrt. Ich sah ihn dort aussteigen und ums Auto laufen, aber er sagte nichts.

Und weil ich mit meinem Fahrrad frontal gegen das Auto gedotzt war, war ich sicher, dass nichts kaputt gegangen sein konnte. So ein Lastenfahrrad, also meines jedenfalls, besteht aus einem Holzkasten. Und nur an den Seiten gibt es abstehende Metallrohre in Höhe der Radnaben. Und damit war ich nirgends in Kontakt gekommen.

Muss ich jetzt umdrehen? Kann ich weiter fahren? Ach Scheiße. Und was glotzen denn jetzt alle so an der Bushaltestelle???? Hätte ich doch nicht die leuchtend gelbe Regenjacke an. Ich möchte einen Tarnumhang. Ich war sicher, der Mann würde keinen Kratzer finden und rollte an und hörte dann hinter mir: „DAS GLAUB ICH JETZT NICHT!“

Ok. Der Mann hatte definitiv Redebedarf. Ist ja auch richtig. Man kann ja wenigstens mal kurz miteinander sprechen. Wenn ich doch nur nicht immer in so eine Art Schockstarre fallen würde, wenn so dumme Sachen passieren… Ich schob mein Lastend rückwärts die paar Meter in die Einfahrt. Der Regen tropfte mir von der Kapuze.

„HIER IST WAS KAPUTT!“ Ein ziemlich großer und sehr wütender Mann baute sich vor mir auf und deutete auf einen kleinen schwarzen Streifen auf dem weißen Lack in Hüfthöhe.

Ich verwandelte mich schlagartig in mein 5 jähriges ICH.

„Ich hab nicht mal ein Handy dabei.“ Sagte ich. Auch wenn das gerade keinen Sinn machte und ich eine ganze Litanei anderer Dinge sagen wollte. Zur Entschuldigung. Zu meiner Verteidigung. Zur Beschwichtigung. Aber das kam alles nicht aus meinem Kopf. Stattdessen fragte ich, die Frage, die mich tatsächlich nicht los ließ: „Wieso bremsen Sie denn so plötzlich?“

„WEIL ICH HIER ABBIEGEN MUSSTE UND VORFAHRT HABE! SIE SIND JA EINFACH WEITER GEFAHREN!“

Ich dachte, was ich schon oben beschrieben hatte, dass ja keinerlei Hindernisse im Weg gewesen waren und auch die Einfahrt mehr als großzügig war. Da kann man einfach so abbiegen. Aber klar, dennoch. Ich bin hinten drauf gedotzt. Ich bin Schuld. Sehe ich ein.

Mein 41 jähriges ICH übernahm zum Glück wieder die Rolle. Ich sah mir den „Kratzer“ an. Meine Knie zitterten (Ich bin so unfassbar unsouverän). Allerdings ließ ich mir den „Kratzer“  nicht unter jubeln. Er war viel zu hoch. Und wenn etwas von meinem Fahrrad einen Kratzer gemacht haben könnte, wäre es das Gestänge vom Regenverdeck gewesen. Theoretisch aber auch nur. Es ist ein roter Regenbezug über das Gestänge gezogen und hätte dann wenn einen roten „Kratzer“ hinterlassen. Aber zudem war ich ja mit meinem Fahrzeug frontal gegen das Auto gedotzt. Und an der Stelle war auf der Höhe auch nur Holz und Regenverdeck. Das zeigte und sagte ich auch.

„Sie können aber gerne Fotos vom Kratzer und meinem Fahrrad machen. Dann müssen sie mir das mailen und ich gebe es an meine Versicherung weiter. Dann sehen wir weiter.“

„Aber das ist ein Kratzer!“

„Ja, aber sie laufen ja auch nicht jeden Tag mehrfach um ihr Auto und kontrollieren auf kleine Schrammen! Das kann auch vorher schon gewesen sein!““

„Der war da vorher nicht!“

Ich wiederholte nochmal, dass wir das gerne fotografieren könnten, ich hätte bloß kein Handy dabei und er müsste das machen. Meine Knie zitterten und ich ärgerte mich auch über mich. Das hätte alles von Anfang an besser laufen können. Mea Culpa.

Da winkte er ab. Wahrscheinlich weil das alles wegen diesem kleinen „Kratzer“ der sich mit dem Finger schon fast weg wischen ließ, viel zu viel Aufwand war und ihm die Zeit im Nacken saß. Keine Ahnung. Er drehte sich um. Aber irgendwie tat er mir plötzlich leid und ich wollte auf keinen Fall an einem 3. Dezember im Advent an einem Montag mit so einem Unfrieden in die Woche starten. Ich hasse Streit. Ich sagte: „Darf ich ihnen die Hand schütteln?“

Es war mir ein dringende Bedürfnis. Und ich ging auf ihn zu. Er drehte sich zu mir um und kam mir auch einen Schritt entgegen. Ich nahm seine große Hand und drückte sie mit meiner nun wieder 5Jahre alten Hand und sagte: „Es tut mir wirklich leid!“

„Ach, schon gut. Machen sie mal, dass Sie ins Trockene kommen!“ antwortete er. Er wirkte auch gar nicht mehr wütend. Ich glaube sogar, dass es ein sehr netter Mann war, der nur ähnlich wie ich erstmal laut ist und aber innen drin ganz lieb.

Und dann fuhr ich nach Hause und weinte ein bisschen. Kann ich nix für. Das kommt nach solchen „Zusammenstößen“ bei mir ganz automatisch. 

  3Comments

  1. Elle   •  

    Oh, ich bin so froh, dass es dir genauso geht! Ich verfalle auch bei solchen Sachen immer erst in Schockstarre und sage dann das Falsche. Und selbst das mit dem Weinen kenne ich. Da kann man nix dagegen machen. Ich hoffe nur immer darauf, dass es erst kommt, wenn ich alleine bin :).
    Gott sei dank ist dir und auch sonst niemandem was passiert!

  2. Annett   •  

    Das ist eine ganz normale Reaktion und viel besser, als die ganzen Stresshormone im Körper zu behalten. Ich bin froh, dass keinem von Euch was passiert ist.

    LG, Annett

    • Beatrice Beatrice   •     Author

      Danke. Ja, ich denke auch. Alles muss raus. 🙂 LG

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.