Die Zähne wackeln und die Seele auch

Das Sirenchen geht nun seit letzten Sommer in die Schule und sie geht weiterhin nachweislich gern. Sie erledigt auch immer noch äußerst engagiert ihre Hausaufgaben. Ich muss sie manchmal bremsen, wenn ihre Konzentration nach lässt und es in Gehuddel ausbricht. 

Sie erzählt nicht viel, aber wenn, höre ich heraus, dass sie sozialen Anschluss mit anderen Mädchen aus ihrer Klasse, als auch den Parallelklassen hat. So vermeldet es auch der große Bruder, der auf dem Schulhof tatsächlich alles im Blick hat. Er ist so herzzerreißend fürsorglich.

Allerdings ist das Sirenchen seltenst verabredet mit den neuen Freundinnen. Es scheint sie nicht zu stören. Sie fordert es nicht ein. Ich frage sie immer mal und zweimal fielen Namen und ich schlug vor, ich könne mal die jeweilige Mama kontaktieren. Es verlief dann ein bisschen im Sande, weil hier zu viel Chaos herrschte und ich außerdem den Eindruck hatte, dass das Sirenchen gar nicht unglücklich über „Ruhe“ am Nachmittag war. Sie schläft aktuell, trotz Zeitumstellung, auch überraschend früh und möchte auch gerne früh ins Bett.

Sie kommt in den letzten Wochen oft sehr gereizt nach Hause. Bzw sie kommt zunächst gut gelaunt an, aber ihre Stimmung kippt in der gleichen Sekunde, in der das erste Detail des heimischen Alltags nicht zu 100% zu ihrer Vorstellung verläuft.

Da ist ein Klecks Spinat auf ihrer Pizza? Drama.

Es gibt das falsche Essen? Eskalation am Mittagstisch.

Ich habe einmal zu viel erinnert, die Hände zu waschen….mein Armageddon.

Es wird blitzartig zu einem furchtbaren Geschrei, wie wir es von ihr durchaus kennen. (Es war eine Zeitlang fast ganz verschwunden. ) Zum Glück schallt es in dieser Episode nicht mehr ganz so langatmig durchs Haus und verebbt in einem plötzlichen Tränenausbruch. Hinzu kommt, dass sie mittlerweile wenigstens versucht ihre Emotionen in Worte zu fassen. Aber heftig ist es dennoch. 

Mama, ich weiß auch nicht, aber mein Körper ist irgendwie so wüüüütend! Es war gut in der Schule, aber trotzdem auch so anstrengend!“

Immer lässt sie sich dann von mir kuscheln und kommt recht fix wieder runter. Dann isst sie auch das Essen, als sei nie etwas falsch damit gewesen und verschwindet erstmal ins Kinderzimmer. (Seit ein paar Tagen sogar in das eigene und das ist obendrein ganz nach ihrem Geschmack eingerichtet und gestaltet. Wir haben es endlich geschafft, dieses Langzeitprojekt der letzten Monate zu beenden.)

Tja, und trotz der eigenen Zimmer gerät sie mit ihren Geschwistern immer mal wieder aneinander. Manchmal so heftig, dass ich tatsächlich dazwischen gehe und ihr Grenzen aufweisen muss. Sie neigt in letzter Zeit dazu sehr körperlich zu werden und entwickelt dann eine enorme Kraft. Wir üben nun Konflikte verbal zu klären. 

Wobei ich fühle, dass in ihr einfach alles in Aufruhr ist.  In ihrem Mund wackeln 5 Zähne gleichzeitig und ihr unerschöpflicher Drang nach Selbstständigkeit und gleichzeitig großer Empfindsamkeit bringt sie ganz aus dem Gleichgewicht.

Ich bin als Mama gerade wieder sehr wichtig. Und sie fand beim Umräumen eine Schmuckdose von mir. Tagelang hatte sie kein anderes Thema, ob sie von mir Schmuck anziehen dürfe. Ich grub ein paar Ohrringe aus meiner Kindheit aus. Die trägt sie jetzt und sagt morgens vor der Schule: „Jetzt habe ich immer was von dir dabei. Ich vermisse dich nämlich manchmal.“❤️

Für heute hatte sie sich dann tatsächlich mal verabredet. Und das ganz in Eigenregie. Mit einer Kindergartenfreundin. Die Freundin wohnt 5 Minuten von uns entfernt und ich fand, es sei an der Zeit, das Sirenchen mal alleine los zu schicken.  Es ist ganz eigentümlich, denn den Weg zur Schule und zurück geht sie ja schon seit ein paar Monaten versiert alleine und der ist etwas länger als 5 Minuten. Und doch hatte ich bei dieser gut bekannten 5 Minuten Strecke ein bisschen Aufregung in mir. Ich musste MICH überwinden, sie los zu lassen. Obwohl ich wusste, dass sie es locker flockig schaffen würde. Ich habe ihr dennoch so lange nach gesehen, wie es ging und war so lange etwas nervös, bis mir die andere Mama ihre Ankunft mitteilte. 🙂

Lustig war noch, dass ich vor den Geschwistern laut aussprach, dass ich ihr gar kein Küsschen gegeben hatte, weil sie so flott aufgebrochen war und ich ein bisschen aufgeregt sei.

Da sagte der sonst so überfürsorgliche Sohn:

„Mama, mach dir keine Sorgen! Die schafft das!“

Und natürlich hat sie es geschafft und hatte am Abend ein triumphierendes Blitzen in den Augen. Selbstständigkeit ist ein gutes Gefühl. Und so wachsen wir alle wieder in dieser Phase.

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