Ein Besuch im Straßenbahnmuseum

Heute waren wir im Straßenbahnmuseum in Köln-Thielenbruch. 

Das ganze Unternehmen wollten wir bereits letzten Herbst machen, aber da standen wir vor verschlossenen Toren. Der „Laden“ hat nur an ungeraden Tagen und bei Vollmond geöffnet. Nein, so arg schlimm ist es nicht. Aber das Museum hat tatsächlich eine Winterpause und in der Saison nur jeden zweiten Sonntag geöffnet.

Wir hatten uns also diesen erst möglichen Termin in diesem Jahr vor kurzem ausgeguckt und fest in den Kalender gemeißelt.

Der Sohn kann sich ja doch immer wieder für Schienenfahrzeuge begeistern und das RIM (Rheinische Industriebahn Museum, welches meines Erachtens Kulisse für den Anhalter Bahnhof in der Serie Babylon Berlin war)  ist seit einiger Zeit geschlossen für unbestimmte Zeit.

Also auf zum Straßenbahnmuseum.

Was soll ich sagen. Bereits den Einlass sucht man und findet ihn dann, indem man eine Gaststätte durchquert. In unserem Fall brachten wir ziemlich heftige Böen mit durch die Eingangstür des Lokales und den Insassen flogen fast die Pommes vom Teller. Draußen wütete ein ziemlicher Sturm. 

Die nächste Tür führte in eine helle große und gut besuchte Halle, in der man sofort von einem freundlichen Mitarbeiter zur Kasse gebeten wurde. Der Eintritt überraschte durch eine ungewohnt angenehme Preisgestaltung. Kinder zahlen erst ab 6 Jahren und zusammen fanden wir für 5 Euro Einlass. Fast unglaublich.

In der Halle gab es dann eine Menge alter Straßenbahnen, die einst durch Köln fuhren. Viele Bildtafeln mit Erklärungen, kleine Modelle von Bahnhaltestellen und Plätzen sowie eine Modellstraßenbahnanlage mit sogar unterirdischen Tunneln. 

Hier und da gab es auch etwas zum Ausprobieren.

Ein Stromabnehmer zum manuellen hoch und runter ziehen.

 

Außerdem gab es eine original Fahrerkabine und eine Steueranlage ohne Kabine. Daran standen viele Kinder geduldig Schlange, nur um einmal alle Knöpfe drücken und Hebel schieben zu können.

Obgleich ich mich für Historisches begeistern kann, muss ich gestehen, sparkelte mich (um es mit Marie Kondos Worten zu sagen) diese Anhäufung an Spezialwissen in Sachen Schienenfahrzeugen nicht soooo sehr. Einzig die alten Wagons in denen ich in meiner Jugend noch gen Köln gondelte, brachten gewisse Erinnerungen zum Aufleben. 

Das Knöpfchen stellte sich bald schon über alle Maßen geduldig an der Führerhausausprobierstation in eine Schlange und wartete. Ich trat latent gelangweilt und etwas schwitzend von einem Bein aufs andere und freute mich heimlich darauf ab Sommer wieder einen Kinderwagen bei mir zu haben. Weniger um das Baby darin zu chauffieren, vielmehr um in den wechselhaften Jahreszeiten Rucksack nebst Jacken aller dann 6 Familienmitglieder ablegen zu können. So stand ich quasi als Kleiderständer da und wartete nur darauf, dass andere Besucher ihre Jacken auch noch über meinen Arm warfen. 

Meine Geduld wurde strapaziert, als genau vor dem Knöpfchen ein ungefähr 10 oder 11 Jährigem Junge auf dem Fahrersitz platz nahm und umständlich und ausschweifend begann über die Funktionen der einzelnen Knöpfe zu dozieren. Wann man wie bremst, dass man zuerst die Linie eingeben müsse und welche Strecke. Dazu drückte er gewissenhaft gründlich die passenden Knöpfe und zeigte mehrfach ganz genau, wie man zu Bremsen hätte.

Ich denke der Sohn, wäre er mit dem Mann nicht in einer anderen Ecke der Halle unterwegs gewesen, hätte überaus interessiert zugehört und womöglich sogar noch Rückfragen gestellt. Tatsächlich aber standen ihm mehrere Kleinkinder gegenüber, die einfach nur mal die Schalter betätigen wollten und im Falle des Knöpfchens gut 20 Minuten ausgeharrt hatten, um eeeendlich an der Reihe zu sein. Abgesehen von der schwitzenden Mutter.

Ich möchte niemandem zu nahe treten und kann Spezialinteressen durchaus verstehen. Ich finde das sogar ganz liebenswert und oft sogar spannend. ABER: In diesem speziellen Fall Schienenfahrzeuge hält sich mein Interesse in Grenzen. Ich möchte sogar sagen: Es langweilt mich sehr. Für mich war das so, als würde ich meinem Mann einen Vortrag über die diversen Absatzhöhen und Breiten von Damenschuhen und deren Vor- und Nachteile im Bezug auf verschiedene Straßenbelägen halten.

Das Knöpfchen blickte etwas suchend und ungeduldig nach mir und ich beschloss dem überaus engagierten 11 Jährigen Einhalt zu gebieten. Ich fragte ihn, ob er seine Ausführungen vielleicht auch fortführen könne, während meine kleine Tochter schon auf dem Fahrersitz säße. 

Er gehörte zu der etwas verschreckten Sorte und entschwand unerwartet schnell auch ohne weitere Worte der Fachkunde zu verlieren.

 

Die Modellstraßenbahnanlage war in einem alten Straßenbahnwagon aufgebaut. Diesen musste man noch über zwei steile Stufen betreten. Die sogenannten Niederflurwagen gab es früher noch nicht. Jedenfalls waren der Mann und der Sohn schon im Wagon und die Mädchen und ich rückten nach. Da baute sich ein Dreikäsehoch auf der obersten Stufe vor uns auf und vermeldete zackendreist in Dauerschleife: „Frauen haben hier keinen Zutritt!“

Ich konnte mir nicht verkneifen mit einem knappen Träum-weiter! zu antworten und schob unbeeindruckt die Mädels vor mir her in das Innere.

Dort sprangen einige Kinder dann aufgeregt vor der aufgebauten Anlage herum und ein Mann mittleren Alters wusste eine menge „nützlicher“ Dinge zur Anlage zu sagen. Welche Schienenarten verbaut seien, wie man eine Wechselschleife oder wie auch immer installiert und das ganze Schienennetz funktioniert.

Die Mädchen fanden schnell eine Spielgefährtin mit der sie abwechselnd die Haltegriffe des Einstiges wie an einer Feuerwehrstange hinab rutschten oder wahlweise an der Querstange baumelten. 

Der Mann meinte, das sei kein Spielplatz, woraufhin ich gestehen musste, dass ich in meiner Kindheit und frühen (ok, auch späten) Jugend auf längeren Straßenbahnfahrten immer an dem Gestänge der Straßenbahn gebaumelt habe. Ok, manchmal auch heute noch. Wenn keiner guckt. 

Schließlich gab es noch diverse Damen und Herren im fortgeschrittenen Alter, die in aller Ruhe, dafür ziemlich geräuschvoll, Servierwagen zwischen Küche und ….keine Ahnung was hin und her schoben. Irgendwo muss es sowas wie ein Gleis 9 3/4 dort geben, nur für leere Küchenutensilien und Servierwagen, nebst Schieber.

Abschließend war ich etwas angestrengt, als in einem Wagon ältere Herren lauthals fachsimpelten und vor einem Bildschirm rum hampelten, während einige Kinder versuchten einen Schwarzweißfilm mit Aufnahmen und Informationen in herrliche altmodischer Sprache über die frühen Zeiten des Schienenstadtverkehrs in Köln zu sehen. Da bringt man seinen Kindern bei in solchen Situationen rücksichtsvoll und leise zu sein und die Knallköppe machen vor, wie es NICHT geht.

 

Ich muss sagen, dass mir das RIM, obgleich auch dort die eigenwillige Spezialkenntnisdichte sehr hoch war, insgesamt interessanter vorkam. Allein wegen des abenteuerlichen Geländes. 

Und so folgte ich meiner Familie erleichtert durch das Lokal nach draußen, nicht ohne nochmals eine heftige Böe beim Verlassen durch die Räumlichkeiten fegen zu lassen. 

Auf dem Weg zum Auto flogen vor unseren Augen Dachziegel von einem Haus und diverse Mülltonnen kullerten nahezu leichtfüßig über die Straße.

Froh wieder im Auto zu sitzen, kam es auf der heimischen Autobahnausfahrt noch zu einem kleinen Hindernis. Ein Baum war auf die Fahrbahn gestürzt und zu Hause war alles mögliche durch unseren Garten geweht worden.

Den Tag ließen wir bei einer herzhaften heißen Suppe mit Blick auf den Sturm ausklingen und unterhielten uns über Spezialwissen.

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